Kommentar
Eine fragwürdige Idee von GM und PSA

Der Einstieg des weltgrößten Autobauers GM beim französischen Konkurrenten Peugeot löst nicht das grundlegende Problem beider Konzerne: Sie bauen zu viele Autos in Europa.
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New YorkGanz zynisch gesagt: 335 Millionen Dollar sind nicht viel Geld für GM. So viel muss der US-Autogigant für sieben Prozent an Peugeot Citroen auf den Tisch legen. Angesichts eines Jahresgewinns von fast acht Milliarden Dollar erscheint die Summe für die Amerikaner vertretbar. Rein strategisch betrachtet kaufen sie sich eine Option auf Kosteneinsparungen durch gemeinsame Produktion und interessante Dieseltechnologie. Was gibt es da zu beanstanden?

Eine ganze Menge. In der Mathematik ergibt Minus mal Minus ein Plus, nicht aber in der europäischen Autobranche. Beide stellen zu viele Autos für Europa her. Doch leidet der Markt unter Überkapazitäten, seit 2007 fiel der Umsatz um 14 Prozent. Die Produktion wird aus verschiedenen Gründen nicht abgebaut. Die einen hoffen auf eine Besserung, die anderen können sich nicht gegen die Gewerkschaften durchsetzen, je nach Hersteller überwiegt der eine oder andere Grund. Seit 2007 schlossen bislang nur GM und Fiat jeweils ein Werk. Nach Analyse von Morgan Stanley müssten in Europa aber noch 1,5 Millionen Autos aus dem Markt genommen werden, was ungefähr der Kapazität von fünf Autofabriken entspricht.

Der Zusammenschluss von GM und Peugeot ändert keinen Deut an dem Problem. Vor allem für GM als Weltmarktführer macht die Allianz wenig Sinn. Schließlich geht es um etwas, das Analysten Skaleneffekte nennen: Man will möglichst viele Autos mit möglichst identischen Bauteilen herstellen, um beim Einkauf von Bauteilen und Maschinen Mengenrabatte zu kassieren. Das mag sich nach Kleingeld anhören, ist aber für GM eine wichtige Sache. Bei dem Jahresumsatz von 150 Milliarden Dollar machen ein paar Prozente Milliarden aus. Aus dem Grund will GM auch seine zahlreichen sogenannten Architekturen, auf denen es Autos baut, in den kommenden Jahren drastisch reduzieren. Das ist der springende Punkt: GM hat aufgrund seiner Größe ein gigantischen Potenzial für interne Kostensenkungen. Warum dann eine Allianz mit den vergleichsweise kleinen Franzosen, die das nicht können?

GM-Chef Daniel Akerson würde antworten: Immerhin bekommen wir Zugang zu erstklassigen Technologie wie Dieselmotoren. Das ist richtig, in dem Bereich hat Peugeot viel vorzuweisen. Wie sehr werden die Franzosen allerdings einen ihrer wenigen Trümpfe aus der Hand geben? GM sollte sich an ein ähnliches Unterfangen mit Fiat erinnern. Auch dort tat man sich zusammen, um Dieselmotoren und andere Technologien zu teilen und gemeinsam Autos zu bauen. Das Ganze ging allerdings so daneben, dass die Amerikaner 2005 zwei Milliarden Dollar nach Mailand überwiesen, um wieder aus der Allianz zu kommen. Die Ironie der Geschichte: Das Geld half Fiat, wenige Jahre später die Mehrheit an Chrysler zu übernehmen, die derzeit in den USA mit zweistelligen Marktzuwächsen für Furore sorgen – und GM das Leben schwer machen.

In den USA überschlagen sich Analysten und Experten mit der Kritik an dem Zusammenschluss. Die Aktie von GM krachte am Montag, als die ersten Meldung über die Allianz über den Ticker gingen, entsprechend in den Keller. GM sollte seine Hausaufgaben machen und endlich das Abitur hinkriegen. Denn die Alternative zu einer guten Schulausbildung ist nicht die Ehe mit einem reichen Mann. Nicht nur ist Peugeot alles andere als begütert. Auch gehen die Hochzeiten im Himmel gehen nicht immer gut aus, wie wir wissen.

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York

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  • Ich höre hier immer nur GM und Gewinn in einem Atemzug. Bilanztechnisch und rechtlich mag das zwar stimmen, aber letztlich war es doch so, das die amerikanische Regierung GM mit Steuergeldern gerettet hat und eine Heerschar von Gläubigern um ihre berechtigten Forderungen betrogen wurden. Das nennt man dann im Volksmund "Konkursakrobatik". Die EU sollte deshalb alle GM-Produkte so lange mit Strafzöllen belegen, bis GM alle Altforderungen beglichen hat. Und ebenso lange dürfte es für die dortigen Manager keine Boni geben und für die Aktionäre keine Dividenden. Das das rechtlich schwer möglich ist, weiß ich. Es wird aber dringend Zeit, das mal wieder mehr Moral und Ethik unser handeln bestimmt und nicht nur der "Shareholder value".

  • Ich gebe ihnen absolut recht Herr Jahn. Aus meiner Sicht ist der Einstieg GM's aber noch mehr.

    Denn nun hat GM eine weitere Drohkulisse gegenüber ihrer eigenen Tochter Opel aufgebaut. Vielleicht will man damit versuchen die Opel-Belegschaft zu weiteren Zugeständnissen, ja vielleicht sogar Werkschließungen zu bewegen.

    Ein geschlossenes Werk auf Opel-Seite und die Kosten für das Investment hätten sich sehr schnell armortisiert.

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