Kommentar
Eine Lanze für Markus

Im Internet macht eine Online-Petition für die Absetzung Markus Lanz' die Runde. Das ZDF und der Moderator können die Petition derjenigen, die Lanz nicht mehr sehen wollen, jedoch getrost ignorieren. Eine Einordnung.
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Manchmal frage ich mich, ob ich zu denen von gestern zähle. Ich frage mich das, wenn ich in Kategorien wie „Das gehört sich nicht“ denke. Ich frage mich das, wenn ich einen Gedanken für mich behalte, anstatt ihn zu teilen. Ich frage mich das, wenn Menschen anonym und online andere unter Druck setzen und glauben damit jene Freiheit optimal zu nutzen, die ihnen das Netz schenkt. Ich frage mich das, wenn Tausende ein Häkchen hinter einen Aufruf setzen, der das ZDF dazu bringen soll, seinen Moderator Markus Lanz zu feuern.

Wir Journalisten steckten einst im Zeitalter der Verwirrung. Sie stammte daher, dass wir erstaunt zur Kenntnis nahmen, dass unsere Leser, Zuhörer, Zuschauer und auch unsere User - dem Netz sei Dank - mit uns diskutieren wollten und dies durchaus auf Augenhöhe taten. Unsere hergebrachte Sicherheit, dass wir unseren Job machen, egal was die darüber denken, für die wir ihn machen, war dahin. Unsere User, so stellten wir fest, waren schlaue Köpfe, manchmal schlauer als wir. So etwas verunsichert.

Doch diese Phase ist vorbei. Die Irritation über die Vielfalt der Meinungen, die uns erreicht, ist der Inflation der Worte gewichen, die auf uns einprasseln und deren schiere Masse dazu führt, das jedes einzelne an Gewicht verliert. Das Netz lässt Meinungen zu. Das ist sein großer Gewinn. Aber es vervielfältigt sie ins unendliche und entwertet sie dadurch. Das ist sein großer Fluch. Den Vorteil zu nutzen und dem Fluch auszuweichen - darin besteht unsere Daueraufgabe. Wir versuchen uns als Dompteure eines Mediums, in dem Gewichtiges und Geschwätziges nahtlos miteinander verschmelzen, in dem die klügste Bemerkung und die dümmste Latrinenparole wie in Stein gemeißelt gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Eine Online-Petition gegen einen einzelnen, die die Absender weder Kraft noch Aufwand kostet, die für den Adressaten aber weitreichende Konsequenzen fordert - so etwas ist eine Anmaßung der Mutlosen. So etwas ist nicht mal ein Shitstorm, in dessen Wirbel sich stets auch einige Gedanken finden, die nicht nur so dahin geworfen sind. Markus Lanz und das ZDF können sie getrost ignorieren.

Sie können stattdessen die Quote messen und ihre Schlüsse daraus ziehen. Sie können die Kritik jener Zuschauer ernstnehmen, die sich trauen, ihre Meinung mit dem eigenen Namen zu versehen. Sie können Verbesserungen einbauen oder die Sendung von mir aus am Ende absetzen. Was sie nicht können, ist einer sogenannten Petition von Menschen nachzugeben, von denen viele nicht wissen, was sich gehört.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Kommentar: Eine Lanze für Markus"

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  • Jörges war schwer zu ertragen. Lanz war unanständig: Gäste lässt man ausreden, fällt ihnen nicht ins Wort. Anstand lernt man bei seinen Eltern, ersatzweise im Kindergarten. Wer hat bei lanz versagt?

  • Richtig, Herr Coenen, Lanz hat sich entschuldigt, aber wie? Seine ständige, inquisitorische Dazwischenrederei
    war für ihn lediglich "energisches Nachfragen". Wie billig! Das ist augenfälliger Mangel an Souveränität gepaart mit dem beliebten Versuch, Übles zu verniedlichen. Hat sich der eine rüpelhaft benommen, war der andere (Joerges) als Schreihals tätig. So macht man aus einem Gast - wenn ich der jeweiligen Begrüßung folgen darf - eine Angeklagte.
    Übrigens: Wer mit "anonym" seine Meinung bekundet, darf getrost als feige bezeichnet werden. Demokratie lebt auch vom offenen Visier!

  • Wenn man die Petition auf openpetition unterzeichnet, ist standardmäßig vorgesehen, dass man Namen, Adresse und E-Mail angibt, da hat rrppp absolut recht. Optional kann man anonym unterschreiben, was natürlich nicht viel Sinn macht. Daneben gibt es andererseits aber auch die Option, die Unterschrift sogar mit e-Ausweis verifizieren zu lassen. Ich wundere mich wirklich, dass hier ein ausführlichen Kommentar zum Thema veröffentlicht wird, der 227.000 Unterzeichner diffamiert, offensichtlich ohne dass der Autor recherchiert hat, worüber er schreibt. Die Fragen seien gestattet: Haben Sie denn die Sendung überhaupt gesehen? Oder die Petition im Wortlaut gelesen? - Die Sendung wurde aus der ZDF-Mediathek gelöscht, und Lanz hat sich bei Wagenknecht entschuldigt. Es wird wohl objektiv etwas Substantielles an den Vorwürfen dran sein.

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