Kommentar
Eine Rückkehr zur D-Mark gibt es nicht

Die Ratingagentur Moody's hat nachgerechnet und kommt zum Schluss: Ein Euro-Austritt würde Deutschland teuer zu stehen kommen. Eine Rückkehr zur D-Mark ist demnach keine reale Option.
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Das Wort "alternativlos" ist nicht zufällig von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum "Unwort des Jahres" 2010 gekürt worden. Es ist zum Schlagwort dafür geworden, wie seit dem ersten Hilfspaket für Griechenland eine Notmaßnahme zur Euro-Rettung nach der anderen durch den Bundestag gepeitscht wurde. Das gleiche Verfahren gilt auch noch nach zweieinhalb Jahren Rettungspolitik, wie die Abstimmung über die Hilfen für Spaniens Banken am vergangenen Donnerstag zeigte. Eine große Mehrheit der Abgeordneten folgte einmal mehr der Staatsräson, die Europäische Währungsunion am Leben zu erhalten.

Man mag die Abgeordneten dafür kritisieren, aber sie haben gut daran getan. Denn auch wenn bestimmt nicht jeder Schritt der Euro-Rettung alternativlos war, dann ist es doch der generelle Kurs.

Wer daran zweifelt, dem sei das jüngste Sondergutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zur Lektüre empfohlen oder auch aktuelle Berechnungen der Ratingagentur Moody's. Beide zeigen unmissverständlich, dass ein Ende des Euros für Deutschland viel teurer würde, als es viele glauben. Zu eng sind die wirtschaftlichen und vor allem finanziellen Verflechtungen in der Währungsunion geworden, als dass man sie einfach auflösen könnte, so wie dies viele Gegner der Euro-Rettungspolitik behaupten.

Der Sachverständigenrat weist zum einen darauf hin, dass sich die Auslandsforderungen Deutschlands gegenüber den Euro-Partnern auf 2,8 Billionen Euro belaufen. 1,5 Billionen davon entfallen auf Unternehmen und Privatleute, 1,2 Billionen auf die Finanzwirtschaft und rund 100 Milliarden auf die öffentliche Hand. Hinzu kommen gut 700 Milliarden Euro Forderungen, die die Bundesbank im Target-2-Zahlungsverkehrssystem an die anderen nationalen Zentralbanken im Währungsraum hat. Nicht all dieses Geld wäre bei einem Ende der Währungsunion verloren, aber es dürfte ein großer Teil davon sein, wenn die größten Schuldnerländer insolvent werden oder nationale Währungen einführen, die kräftig abwerten.

Hinzu kommen dann die realwirtschaftlichen Folgen eines Euro-Austritts. Der Sachverständigenrat hält einen Unsicherheitsschock wie nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 für wahrscheinlich, als die Wirtschaftsleistung in Deutschland um fünf Prozent einbrach. Das entspräche rund 140 Milliarden Euro. Nach einer Wiedereinführung der DM würde diese außerdem kräftig gegenüber den meisten anderen Euro-Nachfolgewährungen aufwerten; Größenordnungen von 30 Prozent und mehr sind realistisch. Das würde einen lang anhaltenden Schock für das deutsche Exportgeschäft bedeuten und eine Welle von Produktionsverlagerungen ins Ausland mit negativen Folgen für den Arbeitsmarkt und den Konsum in Deutschland auslösen. Insgesamt wäre also ein sofortiger Schaden von zwischen zwei und drei Billionen Euro, womöglich sogar mehr, verbunden mit einer längerfristigen Schwächung, zu erwarten.

Moody's kommt mit einer etwas anderen Rechnung auf 1,9 Billionen Euro - also ziemlich genau der Größenordnung, die die Wiedervereinigung Deutschland gekostet hat. Die Ratingagentur addiert dafür die Garantien der Regierung für die verschiedenen Rettungsfonds, die Außenstände der deutschen Banken, die Target-2-Forderungen und realwirtschaftliche Schäden.

Beide haben dabei noch nicht die Kosten berücksichtigt, die aus einer Abwicklung der Europäischen Zentralbank mit ihrer Bilanzsumme von rund drei Billionen Euro entstünden. Wie viel wären bei einem Ende des Euros noch die Wertpapiere wert, die die EZB und die nationalen Notenbanken durch direkte Ankäufe oder als Sicherheiten für Kredite hereingenommen hat? Das ist nicht zu schätzen, weil nicht bekannt ist, zu welchen Abschlägen sie über die Jahre hinweg die Wertpapiere in die Bücher genommen haben.

Die Wahl, die die Bundesregierung hat, ist also in Wahrheit nicht die zwischen einer Fortsetzung der Rettungspolitik und einem Ende des Euros. Die Wahl, die sie tatsächlich nur hat, ist die zwischen verschiedenen Wegen zu einer Vervollständigung der Währungsunion. Das wissen im Grunde auch die Fundamentalkritiker der bisherigen Euro-Rettungspolitik, und darum werden sie auch so wortkarg, wenn es darum geht, gangbare Alternativen aufzuzeigen.

Die Regierung macht es ihnen leicht, weil sie einer ehrlichen Debatte darüber ausweicht, welche Wege aus der Euro-Krise es gibt, was sie kosten könnten und was im Vergleich dazu der Ausstieg aus dem Euro kosten würde. Sie müsste den Bürgern erklären, dass Solidarität mit unseren Euro-Partnern notwendig ist, dass wir aber für diese Solidarität die Chance bekommen, ein global wettbewerbsfähiges Europa durchzusetzen, das in weiten Teilen den deutschen Vorstellungen entspricht.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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  • Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!

  • Das Problem ist, das unsere Politiker sich davor fürchten die Fakten wirklich offenzulegen, da dies weit unangenehmer sein könnte, als die Wähler bereit zu tolerieren sind.
    Das eben deshalb, weil sie jahrzehntelang verschleiert, vertuscht und getrixt und gelogen haben zum vermeintlichen Wohle des Volkes. Es bestände durchaus die realistische Gefahr, das die Volksparteien unter 10% Stimmanteil fallen würden, mit unabsehbaren Folgen hinsichtlich Regierungsbildung und Handlungsfähigkeit in Europa. Auch deshalb wird versucht im ESM Vertrag die Position des Souveräns zu schwächen. 2013 wird in Deutschland gewählt, es könnte erdrutschartige Veränderungen geben die die poltische Landschaft vollständig verändern könnten, auch deshalb will man verzweifelt Zeit gewinnen.
    Nun rächt sich die Bevormundung des Volkes und der Mangel an demokratischer Legitimität der Europapolitik.
    Es ist durchaus möglich das der entstandene Vertrauensschaden am Ende eine Eurorettung schon unmöglich gemacht hat.
    Da in der Regierung scheinbar keinerlei Versuch unternommen wird den ESM nachzubessern, sehe schwärzer als schwarz. Offensichtlich setzt man auf die Erpressbarkeit des Verfassungsgerichts, we nndie Zeit abgelaufen ist.

    H.

  • @DeutscherEuroaustrittundDMwieder
    Als Antwort verweise ich auf meinen Beitrag von soeben. Was das deutsche Gold anbelangt, nur dies:
    Die BuBa hat schon seit langer, langer Zeit keine körperliche Bestandsaufnahme zum Bilanzstichtag mehr durchgeführt, wie sie jeder kleine Kaufmann von Gesetzes wegen durchführen muß (einen Tag die Rolläden runter und Radiergummis und Erbsen zählen!). Das ist nicht nur leichtsinnig, sondern auch sträflich.
    Außerdem sei an de Gaulle erinnert. Seine erste Regierungshandlung war, ein Kriegsschiff in die USA zu schicken und das französische Gold heimzuholen. Auf geht's, was hindert Merkel, es genauso zu machen?

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