Kommentar: Eine überfällige Debatte

Kommentar
Eine überfällige Debatte

Deutschlands Kulturstätten stehen vor einem Infarkt. Nicht nur über die Finanzen der Kulturbetriebe muss diskutiert werden - sondern auch über deren Programme. Wie viel Kultur braucht unser Land - und welche?
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Der deutsche Kulturbetrieb ist akut gefährdet. Ihm droht der „Kulturinfarkt“. Er erstickt an eigener Redundanz. Drei deutsche Professoren und der Leiter einer Schweizer Stiftung haben dem deutschen Patienten in ihrem Buch „Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche“ diesen Befund mitgeteilt. Der Patient, die deutsche Fabriklandschaft für Sinnproduktion, stellt sich in unmittelbarer Hörweite der Kritik taub und tot. „Schlaganfallprosa“, „Denkinfarkt“, „obszöne Ideen“ röchelt es spitz aus deutschen Feuilletons zurück.

So ganz falsch ist die Diagnose der Professoren indes nicht: Viele Theater, Opern und Musen ersticken an Bürokratie, Gremienhuberei und blinder Geldzuweisung, egal, ob Erfolg sich einstellt oder nicht. Auch ist nicht per se falsch, dass so manche Kulturproduktion im dichten, föderalen Subventionsgestrüpp überlebt, obwohl die vielleicht hundertste subventionierte Interpretation von Tschechows „Kirschgarten“ nicht an das Niveau der 99 Vorgänger heranreicht.

Und wer in Berlin erlebt, dass drei Opernhäuser mit sagenhaften Millionensummen künstlich am Leben erhalten werden, Kunsthallen heillose Konkurrenz zueinander eingehen und Musikintendanten für wenige Wochen Anwesenheit Gehälter aus Tausendundeiner Nacht beziehen, muss sich des Nachdenkens nicht schämen.

Solche Befunde, Pardon, sind nicht neu. Allein die Provokation des akademischen Quartetts – soll doch die Hälfte des Betriebs geschlossen werden! – hält die Diskussion wach. Sie ist kaum mehr als der zeitkonforme Versuch, das 50 Jahre alte Verdikt des Sozialphilosophen Theodor W. Adorno, die Kulturindustrie erniedrige Kunst zum Schund für alle, auf den Kopf zu stellen.

Ziel müsse sein: „Herstellung und Vertrieb von ästhetischen Erlebnissen in Warenform mit dem Willen zum Erfolg.“ So hässlich dieser Satz ist, so sehr reduziert sich das Buch darauf: Der Kulturbetrieb muss vom Konsumenten her denken!

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