Kommentar
Eine Wunderwaffe ohne Munition

Der Bundestag will Autofahrern bei der Suche nach billigem Sprit helfen. Deshalb beschloss er heute die sogenannte Markttransparenzstelle. Die Erwartungen an die neue Wunderwaffe sind groß – aber ein Trugschluss.
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Es gibt wenig, was die Deutschen so aufregt wie die Benzinpreise. Kein Wunder, schließlich machen die Spritkosten bei den vielen Millionen Pendlern einen großen Teil der monatlichen Ausgaben aus. Das Bundeskartellamt hatte im letzten Jahr bestätigt, was die genervten Autofahrer ohnehin immer schon zu wissen glaubten: Sie werden von den Tankstellen abgezockt.

Die heben ihre Preise nämlich immer pünktlich zum Berufs- und Ferienverkehr kräftig an, manchmal sogar um bis zu zehn Cent pro Liter. Wenn wenig los ist auf den Straßen, senken sie sie wieder. Weil die Tankstellen ihre Preise immer schön im Gleichschritt, schloss das Kartellamt daraus: Es fehlt auf dem Benzinmarkt an Wettbewerb.

Durch die Transparenzstelle soll sich das ändern. Die Tankstellen müssen ihre Preise dann in Echtzeit an das Kartellamt melden, das sie dann in Echtzeit an die Betreiber von Navigationsgeräten weiterreicht. Die zeigen dem Autofahrer dann an, wo er auf seiner Route am billigsten tanken kann. Ab Mitte 2013 sollen die neuen Geräte auf den Markt kommen. Die Erwartungen sind gigantisch: Endlich mehr Transparenz, endlich weniger Pendler-Abzocke, endlich sinkende Benzinpreise!

Doch kann die Transparenzstelle wirklich Wunder vollbringen? Nein, kann sie nicht. Die fünf großen Tankstellenkonzerne Aral, Esso, Shell, Jet und Total taten zuletzt alles, um sich nicht gegenseitig mit Kampfpreisen Konkurrenz zu machen. Dazu änderten sie ihre Preise immer zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung. Doch darin wird sie auch die Markttransparenzstelle nicht hindern können. Im Gegenteil: Wenn die Autofahrer dank ihrer Apps und Navis bald genau wissen, wo es ein paar Cents zu sparen gäbe, könnte das die Tankstellenpächter dazu verleiten, dass es bald überhaupt keine Preisunterschiede mehr gibt. Dann bringt auch die tollste Technik und die umfassendste Transparenz nichts.

Die Befürworter der Transparenzstelle glauben, dass die Abzocke zur Rush-Hour in Zukunft ein Ende findet. Das kann passieren, muss aber nicht. Und selbst wenn es so kommt, hat das Vor-, aber auch Nachteile. Das zeigt eine Modellrechnung: Die Preissprünge der Tankstellen betrugen oft bis zu zehn Cent pro Liter. Die durchschnittliche Gewinnmarge der Konzerne lag - aufs Jahr gerechnet – aber deutlich darunter. Das bedeutet: In Zeiten niedriger Preise, also vor allem mittags und am Wochenende, lag der Benzinpreis nahe am Einkaufspreis. Benzin war also ein richtiges Schnäppchen. Wenn die Preise aber bald über den Tag zu schwanken aufhören, belohnt das diejenigen Autofahrer, die bisher zu faul waren, extra außerhalb der Rushhour zu tanken. Und es bestraft die, die in einer Marktwirtschaft eigentlich einen Lohn für ihre Mühen verdient haben: Die Schnäppchenjäger nämlich. Diese verschafften sich bisher selbst Transparenz, indem sie die Preise verglichen und dann tankten, wenn es billig war. Sie verlieren künftig ihren Wissensvorsprung – und werden mehr zahlen müssen.

 

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

Kommentare zu " Kommentar: Eine Wunderwaffe ohne Munition"

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  • Na höchstens für 1,50 Mark der DDR, inklussive Ökosteuer!

  • Also meine Tanke liegt in Austria und ist immer mindestens 10 Cent günstiger...

  • Das ist kein Irrenhaus! Es ist berechnende und kalte Nutzung der Staatsmacht zu Lasten der Bürger um letztendlich die Heerscharen von Verwaltung, Beamten und Politik, wovon bei optimaler Organisation 50% überflüssig sind, zu bezahlen. Wenn diese sich noch die weltweite Not an den Hals hängen lassen, dann haben wir den Kostenstand von heute und das Volk muß halt ausgeplündert werden. Ist ja alles für einen guten Zweck.

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