Kommentar
Einen Schritt voraus

Es ist der Gefechtslärm aus Nadschaf, der die Schlagzeilen aus dem Irak beherrscht: mit einem gewalttätigen Prediger und seinen facettenreichen Winkelzügen. Und einer Invasionsarmee, deren Feuerkraft von der Symbolik eines heiligen Schreins entwertet wird.

Das politisch Bedeutende der vergangenen Tage ging dabei unter: Der Irak hat eine weitere Hürde auf dem Weg zur Unumkehrbarkeit des politischen Wandels genommen. Mit der Besetzung des Übergangsparlaments ist zumindest formal ein Kontrollgremium für die Regierung geschaffen worden. Ohne dieses Gremium wäre die Durchführung halbwegs akzeptierter Parlamentswahlen undenkbar.

Allerdings: Von seinen angestrebten demokratischen Prinzipien hatte sich der Nationalkongress schnell verabschiedet. Fünf große Parteilager dominierten die Versammlung, zahlreiche unabhängige Kandidaten zogen daraufhin verbittert aus, schließlich wurden die Parlamentarier nicht wie geplant gewählt, sondern von den Organisatoren kurzerhand ernannt. Die Teilnehmer verhielten sich so, wie sie es unter Saddam Hussein oder in der Exil-Opposition gelernt hatten. Sie nutzten den Kongress vor allem für den Kampf um die Macht – und setzten dafür auch unfaire Mittel ein.

So manches Defizit dieser ersten demokratischen Übung kann man als unvermeidbaren Geburtsfehler abhaken. Denn schließlich wird das Übergangsparlament nicht lange amtieren. Im günstigsten Fall ist es nach den Wahlen in fünf Monaten bereits wieder Vergangenheit. Doch hier liegt ein Problem. Da es während der vier Tage von Bagdad nicht gelungen ist, externe, auch radikale Gruppen zu integrieren, könnten die den Wahlprozess torpedieren: politisch, indem sie ihn boykottieren; physisch, indem sie eine Welle der Gewalt entfachen. Polarisierer vom Schlage eines Muktada el Sadr erhielten dann ein Gewicht, das sie unter anderen Umständen nie hätten

.

Die Schiiten sehen sich ohnehin seit dem Ende des Provisorischen Regierungsrates in der Defensive. Geschwächt durch den Verlust ihrer Führer, politisch enttäuscht nach dem anfänglichen Charmieren der Amerikaner, kann ihre Neigung wachsen, auf Radikale zu setzen. Oder doch auf den Nachbarn Iran.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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