Kommentar: Endlich die Wahrheit

Kommentar
Endlich die Wahrheit

Der Chef der Eurogruppe spricht aus, was alle denken: Banken müssen nicht auf Kosten von Steuerzahlern gerettet werden. Er sollte zu dem stehen, was er gesagt hat.
  • 15

Der Mut ist wie ein Regenschirm: Er fehlt einem, wenn man ihn am dringendsten braucht. Jeroen Dijsselbloem kennt das Phänomen. Erst hat er ein bisschen Mut gehabt und dann hat ihn der Mut verlassen, als er ihn brauchte. Dijesselbloem hat das Richtige gesagt, nur leider hat er den falschen Job, um unbequeme Wahrheiten zu verbreiten. Als Chef der Eurogruppe ist es nicht immer angebracht, Tatsachen auch als solche zu benennen. Das ist die bittere Erfahrung, die der talentierte Mr. Dijsselbloem, gerade macht. Dennoch könnte er zu dem stehen, was er sagt.

Dijsselbloem ist Nachfolger von Jean-Claude Juncker als oberster Kommunikationschef der Länder, die sich zum Euro bekennen. Sein Vorgänger hatte das Talent, immer nur so viel zu sagen, wie es gerade noch opportun, aber immerhin schon interessant war. Juncker wusste stets mehr und vor allem dachte er sich mehr, als er öffentlich eingestand. Und er vermochte es, dieses Wissen durchscheinen zu lassen, ohne es auszusprechen. Generationen von Zuhörern haben sich daran abgearbeitet, manche haben ihn dafür bewundert, andere sind daran verzweifelt. Sein Nachfolger macht nun das, was sich viele bei Juncker stets erhofften, was sie aber nie erlebt haben: Dijsselboom redet Tacheles.

In einem Interview bezeichnete er die Rettung Zyperns als „Blaupause“ für andere Länder. Kämen Banken künftig ins Trudeln, sei die Hilfe der Euro-Partner nicht automatisch garantiert. Nachdem die Worte gefallen und aufgeschrieben waren, nahm der Eurogruppen-Chef sie wieder zurück und berief sich auf Fremdsprachenschwierigkeiten – da waren die Märkte aber schon in Turbulenzen. Fremdsprachen hin, Märkte her – Dijsselbloem  hatte natürlich vollkommen recht.

Auf einem begrenzten Spielfeld namens Zypern proben die Euroretter derzeit das, was Politiker und Steuerzahler schon seit der Finanzkrise fordern: den Bail in, also die Beteiligung der Bank-Anleger und Bankkunden an der Rettung einer Bank. Es soll nicht mehr länger der europäische – und damit vor allem der deutsche – Steuerzahler gerade stehen, wenn sich eine Bank im Euroraum verhoben hat, sondern es sollen fast alle, die Geschäfte mit diesem Institut machen, beteiligt werden. Kleinsparer ausgenommen.

Genau darin besteht die Blaupause für künftige Rettungsaktionen. Genau das muss Banken klar sein, wenn sie in wacklige Geschäfte einsteigen.  Genau darüber müssen Anleger nachdenken, wenn sie mal wieder mehr als den üblichen Zinssatz versprochen bekommen. Und genau deswegen darf der Eurogruppen-Chef aussprechen, was alle denken. Seine Ungeschicklichkeit besteht einzig darin, zurück zu rudern, nachdem die entscheidenden Worte gefallen sind. Das war mutlos, lieber Herr Dijsselbloem.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Kommentar: Endlich die Wahrheit"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.


  • Der Holländer hat wohl nur aus dem Nähkästchen geplaudert..



    Zypern doch kein Einzelfall?

    Nach einem Bericht der Zeitung "Die Welt" liegt in Brüssel schon länger ein Gesetzentwurf vor, nachdem Sparvermögen über €100.000 zur Sanierung von Banken genutzt werden sollen.
    "Die Diskussion darüber läuft aber noch, es gibt dazu noch keine Einigung", sagte eine Sprecherin von EU-Binnenmarktkommissar Barnier.
    - Echtzeitnachricht


    Der finnische Ministerpräsident Jyrki Katainen hält die Beteiligung privater Anleger an den Kosten einer Bankenpleite grundsätzlich für eine richtige Idee.

    "Ganz Europa sollte zu einer normalen Marktwirtschaft werden, wobei sowohl Eigentümer als auch Investoren im Falle einer Bankenpleite Verluste hinnehmen müssen", sagte er laut Reuters.
    12:59 - Echtzeitnachricht


    Deutsche Bank -Chefvolkswirt David Folkerts-Landau begrüßt das Vorgehen bei der Zypern-Rettung: "Die Gläubiger von Banken und Staaten müssen herangezogen werden, bevor der europäische Steuerzahler zu Hilfe gerufen wird."

    09:53 - Echtzeitnachricht

  • Mitten ins Schwarze, Herr Stock.

  • Wozu braucht man nochmal ein Konto? Ich zahl bar oder mit Prepaid-Kreditkarte...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%