Kommentar
Erneut verwundbar

Egal, wie die Amerikaner über den Irak-Krieg denken: Viele halten Präsident George W. Bush zumindest zugute, dass es seit dem 11. September 2001 keinen weiteren Terroranschlag in den USA selbst gegeben hat. Der verheerende Wirbelsturm „Katrina“ unterhöhlt jetzt jedoch diesen Eindruck relativer Sicherheit.

Die Wucht der Bilder hat die Nation unter Schock gesetzt. Gleichzeitig verbreitet das Versagen bei der Bewältigung des Desasters ein neues Gefühl der Verwundbarkeit. Was passiert, fragen sich viele, wenn ein biologischer, chemischer oder gar nuklearer Anschlag das Land trifft?

Bush argumentiert, dass der Krieg im Irak diese Gefahr minimiere. Der Militäreinsatz am Golf wirke wie ein Magnet und halte die Terroristen von weiteren Attacken in den USA ab. Diese Strategie ist fragwürdig. Denn zum einen verengt Bush seine Antiterrorkampagne, die ursprünglich global angelegt war, auf den Irak. Der ist, so warnen Fachleute, zu einem riesigen Rekrutierungsbecken für Terroristen geworden, die später in ihre jeweiligen Heimatländer zurückkehren.

Zum anderen führt Bush den Konflikt im Stile einer konventionellen Militäraktion, mit einer 140 000 Mann starken Armee, die operiert, als ob es einen greifbaren Feind gäbe. Doch der Gegner ist schwer zu fassen, agiert im Schatten, greift blitzschnell an und verschwindet. El Kaida hat sich in den vergangenen vier Jahren stark gewandelt. Aus einer hierarchisch strukturierten Organisation mit Osama bin Laden an der Spitze ist ein loses Netzwerk mit vielen autonomen Zellen geworden. Die Anschläge von Madrid und London haben dies gezeigt. Terrorexperten bezeichnen bin Laden allenfalls noch als inspirierende Kraft, aber nicht mehr als Befehlsgeber.

In den USA macht sich immerhin die Erkenntnis breit, dass militärische Gewalt allein keinen Erfolg zeitigen wird. Zunehmend werden langfristige Ansätze wie die wirtschaftliche Entwicklung des Nahen Ostens gefordert. So weit ist die Regierung Bush noch nicht. Aber zumindest wirbt sie vier Jahre nach „9-11“ dafür, den „Kampf um die Herzen und Köpfe“ der Muslime zu führen.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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