Kommentar
Ernüchterung in der Türkei

Die EU-Kandidatur der Türkei ist auf keinem guten Weg. Der Prozess innerer Reformen lahmt. Das wird auch Kanzler Gerhard Schröder nicht entgehen, dem engagierten Förderer der türkischen Ambitionen, der heute in Ankara bei Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist.

Nicht mal zur Nominierung eines Delegationschefs für die bevorstehenden Beitrittsverhandlungen kann sich Erdogan durchringen. Bedenklicher ist aber, dass die Stimmung in der türkischen Öffentlichkeit zu kippen beginnt. Die Zahl der EU-Anhänger schwindet, die der Beitrittsgegner wächst. Man habe der EU schon zu viele Zugeständnisse gemacht, meinen viele Türken. Weitere Souveränitätsrechte an Brüssel abzutreten wäre für sie der Verzicht auf die eigene Identität.

Jetzt zeigt sich, wie tief der Graben ist, der die Türkei noch von Europa trennt. Die patriotischen Aufwallungen, die das Land erfasst haben, signalisieren eine Identitätskrise. Die europäische Bestimmung der Türkei ist zwar seit den Tagen Atatürks ein unumstößliches Dogma, bleibt aber ein schwer zu erfüllendes Postulat. Denn die Türken haben an keiner der großen geistigen und gesellschaftlichen Bewegungen teilgenommen, die Europa prägten: Renaissance, Reformation, Aufklärung, bürgerliche Revolution.

Mittlerweile müssten selbst Befürworter wie Schröder und Joschka Fischer erkennen, dass der Beschluss vom vergangenen Dezember, Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen, übereilt war. Die Frage, ob die türkische Gesellschaft mit ihrer Befindlichkeit überhaupt nach Europa passt, wurde verdrängt.

Die Beitrittsverhandlungen sind zugesagt. Dahinter kann die EU nicht zurück, selbst wenn es beim gegenwärtigen Reformstillstand bleibt. Aber dass die Gespräche jemals zu einer Aufnahme der Türkei führen, scheint heute unwahrscheinlich. Es wäre keine große Überraschung, wenn die Türken bei den Verhandlungen selbst zu der Erkenntnis kämen, dass eine Vollmitgliedschaft nicht das ist, was sie wirklich wollen. Das wäre eine späte Genugtuung für die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, die gegen Beitrittsverhandlungen war.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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