Kommentar
Es gibt Wichtigeres als den Frauenquotenstreit

Die Frauenquote erregt derzeit die Gemüter. Dabei gibt es Wichtigeres zu diskutieren. Beispielsweise die Unabhängigkeit der Aufsichtsräte. Denn ohne freie Kontrolleure ist eine effektive Kontrolle nicht möglich.
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Manche Argumente sind so eingängig, dass niemand darüber stolpert. EU-Kommissarin Viviane Reding, unverdrossene Kämpferin für Prinzipien guter Unternehmensführung, behauptet beispielsweise: "Das Fehlen der Frauen in den Spitzenpositionen der Geschäftswelt schadet Europas Wettbewerbsfähigkeit." Ein schöner Satz, leicht dahergesagt und zur Begründung einer gesetzlichen Frauenquote in Führungspositionen bestens geeignet. Aber stimmt das überhaupt?

Das wettbewerbsfähigste Land in Europa dürfte derzeit Deutschland sein. Ausgerechnet Deutschland aber zählt gemeinsam mit Tschechien zu den Nationen mit dem geringsten Anteil weiblicher Führungskräfte. Was folgt daraus? Jedenfalls keine gute Begründung für eine Frauenquote per Gesetz. Aber was soll's. Im politischen Geschäft sind solche Selbsttore Nebensächlichkeiten. Es gilt der Blick für das große Ganze. Und das ist im Zweifel die Popularität eines Themas.

Während sich Brüssel und auch Teile des politischen Berlins mit der Frauenquote intensiv beschäftigen, geht ein anderes, viel wichtigeres Thema der Unternehmensführung unter: die Unabhängigkeit der Aufsichtsräte. Angeheizt wird die Debatte von der Regierungskommission Deutscher Corporate-Governance-Kodex höchstselbst. Die präsentierte jetzt Vorschläge, wie der eher schwammige Begriff Unabhängigkeit im Kodex präzisiert werden könnte. Eigentlich wollte das Gremium unter Leitung von Commerzbank-Chefaufseher Klaus-Peter Müller in diesem Jahr Ruhe geben und nicht schon wieder die Regeln guter Unternehmensführung ändern.

Daraus dürfte nichts werden. Denn das Thema ist hierzulande brisanter als in anderen Ländern. Gründe dafür sind das duale System aus Vorstand und Aufsichtsrat und die paritätische Mitbestimmung. Für uns selbstverständlich, im Ausland aber erklärungsbedürftig. Beginnen wir mit der Mitbestimmung. Die ist eigentlich tabu, für Gewerkschafter ohnehin, für Politiker zumeist. Ausgerechnet Klaus-Peter Müllers Kommission stellt aber die Unabhängigkeit von Aufsehern infrage, wenn sie "unmittelbar oder mittelbar eine wesentliche zusätzliche Vergütung der Gesellschaft" erhalten.

Damit sind die Kontrolleure gemeint, die nebenbei das Unternehmen gegen Honorar beraten. Das trifft aber auch jeden Betriebsrat, der im Aufsichtsrat sitzt. Die Aufregung im Gewerkschaftslager ist groß, dass alte Gräben in der EU aufgebrochen werden. Lange, sehr lange hat es gebraucht, den Verwaltungsrats- und Board-Verfechtern jenseits dieser Republik klarzumachen, dass Mitbestimmung kein Teufelswerk ist und die paritätische Besetzung nicht automatisch für die Hälfte der Räte einen Interessenkonflikt programmiert.

Nicht weniger aufregend ein weiterer Vorschlag der Kommission: Als nicht unabhängig könnten demnach künftig Aufseher gelten, die mehr als zehn Prozent der Aktien vertreten. Das hieße: Die Vertreter der Krupp-Stiftung bei Thyssen-Krupp oder die Abgesandten von Bund und KfW bei der Deutschen Telekom kämen "auf Beobachtung". Ihre "geschäftlichen Beziehungen" könnten einen "Interessenkonflikt begründen". In gemischten Verwaltungsräten mit ihren Executives und Non-Executives ist die Zehn-Prozent-Regel vielleicht sinnvoll.

Aber im deutschen Trennsystem? Keine Frage: Das Thema Unabhängigkeit ist enorm wichtig, weil nur mit Räten, die wirklich frei entscheiden können, eine effektive Kontrolle der Vorstände funktioniert. Ob dabei aber Regeln Modell stehen sollten, die für ganz andere, meist angelsächsische Governance-Strukturen erdacht wurden?

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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  • @anno
    Sie mögen ja einer dekadenten Adelsfamilie entstammen. Sie sollten aber nicht von sich auf alle anderen schliessen.

  • @Hermann
    Früher war alles besser? Nanana: also meine Großväter haben meine Großmütter nicht so sehr beschützt, und gestorben ist man wegen Frauen auch bloß im Duell - meist Ergebnis eines Fehltritts der gelangweilten Bürgerdame, die damals ihr Einzelkind an die Amme weitergab. Die völlig falsche Romantisierung eines weder für Arbeiter noch für Bürger so besonders glückhaften Ehezwangs ist aus demselben Holz wie die Quotenargumente angeblicher erfolgreicherer Unternehmen durch Frauen: sie sind einfahc falsch.

  • Wie Kleikinder jedes Spielzeug ausprobieren?!
    Wen interessiert es, wenn die Verantwortung der Aufsichtsräte seit Jahrzehnten zu wünschen übrig lässt. Gar manche "kontrollieren" ja nur das, was sie ihren Unternehmen vorher jahrelang als Vorstand eingebrockt haben, die Leichen im Keller. Da ist sicher Reparaturbedarf, für den sich aber Otto Normalwähler nicht interessiert! Ganz anders die Frauenquote in solchen Räten: Damit bewegt man schließlich tiefsitzende Motive von Neid über Rache bis Machthunger. Niemanden stört es da, wenn die 40%Frauenquote in Norwegen vor fast 10 Jahren nicht nur zum Nachteil der betroffenen Unternehmen, sondern vor allem zum Nachteil der Frauen eingeführt wurde. Die gewaltigen damals neu entdeckten Öl- und Gasvorkommen, deren Exploration innerhalb weniger Jahre zu einer Verdoppelung des BIP und zu einer Millionen unbesetzter Arbeitsplätze geführt hatte, verführte den damaligen konservativen Wirtschaftsminister dazu, die Frauen des Landes weg von ihren Kindern in die Betriebe zu locken. Die 40%-Quote in Aufsichtsräten diente als Lockmittel für alle Frauen. Die Folge waren sicher nicht nur Ergebniseinbrüche bei den Unternehmen(Handelsblatt,Nr.51),sondern auch eine Abwertung des familiären Zusammenhalts. Wie im Krieg: Kinder in Verwahranstalten und Frauen an die Arbeitsplätze. Von echter Vereinarkeit Beruf-Familie keine Spur! Echte Gleichberechtigung, die den vielen Frauen unseres Landes bis heute verwehrt bleibt, sieht anders aus! Zauberlehrling

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