Kommentar Europa nicht zu Tode retten

Die Stabilisierung der Gemeinschaftswährung wird immer teurer, immer unkalkulierbarer, immer riskanter. Zudem ziehen die Mitgliedsstaaten politisch nicht an einem Strang. Sie spielen mit der Existenz Europas.
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Stürmische Zeiten für die Europäische Union. Quelle: dapd

Stürmische Zeiten für die Europäische Union.

(Foto: dapd)

Wenige Tage vor dem EU-Gipfel, der Europa den Weg aus der Krise und in die Zukunft weisen soll, zeigt sich der Kontinent zerstritten wie nie. Daran ändert auch das hastig geschnürte Wachstumspaket nichts, auf das sich Bundeskanzlerin Merkel mit ihren Kollegen aus Frankreich, Spanien und Italien geeinigt hat. Die in Rom beschlossenen Maßnahmen waren bekannt und werden die Finanzmärkte nicht davon ablenken, dass die Regierungschefs in allen wesentlichen Fragen uneinig sind.

Offen liegt der Streit darüber, wie die akute Gefahr abgewendet werden soll, dass die Währungsunion unter der Schuldenlast und dem Druck der Finanzmärkte auseinanderbricht. Der Italiener Monti fordert mit Unterstützung des Franzosen Hollande und des Spaniers Rajoy, dass die europäischen Rettungsschirme EFSF und ESM am Markt südeuropäische Staatsanleihen aufkaufen, um den Zugang der hochverschuldeten Länder zu den Finanzmärkten offenzuhalten.

Torsten Riecke leitet die Handelsblatt-Meinungsredaktion. Quelle: Pablo Castagnola

Torsten Riecke leitet die Handelsblatt-Meinungsredaktion.

(Foto: Pablo Castagnola)

Da der italienische Regierungschef nur zu gut weiß, dass die Mittel der Rettungsfonds niemals reichen, um den zwei Billionen Euro großen Markt für italienische Schuldscheine zu stabilisieren, will er die Europäische Zentralbank (EZB) zu Hilfe holen. Die Euro-Banker sollen im Auftrag der Rettungsfonds die Staatstitel aufkaufen oder ihnen über eine Banklizenz Feuerkraft verleihen. Das alles möglichst ohne Auflagen für die betroffenen Länder.

Merkel jedoch will auf keinen Fall im Namen der deutschen Steuerzahler einen Blankoscheck ausstellen. Das könnte sie politisch Kopf und Kragen kosten. Und gegen eine Beteiligung der EZB legt sich Bundesbank-Chef Jens Weidmann quer, indem er zu Recht darauf hinweist, dass dies auf eine „verbotene Staatsfinanzierung durch die Notenpresse“ hinausliefe. Die Toleranz der Bundesbank hat ohnehin die Grenze zur Selbstverleugnung erreicht, nachdem die EZB jetzt selbst Anleihen zur Refinanzierung der spanischen Banken akzeptierte, die nur noch mit hochriskanten Hypotheken aus der Immobilienblase gesichert sind. Wo das enden könnte, wissen wir seit der Subprime-Krise in Amerika.

Beim Streit über die kurzfristigen Rettungsmaßnahmen schimmert durch, wie unterschiedlich die Vorstellungen über eine Stabilitätskultur sind. Wenn es darum geht, den künftigen Kurs Europas abzustecken, brechen die Differenzen offen aus.

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Die Gräben zwischen den Euro-Staaten sind tief
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11 Kommentare zu "Kommentar: Europa nicht zu Tode retten"

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  • Was degegen zu tun ist hier,
    http://www.verfassungsbeschwerde.eu/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&file=fileadmin/pdfarchiv/2012-05-29_Beschwerdeformular_Europakampagne.pdf&t=1340890466&hash=c6ac13de05b43370e90ca20ae3447dc7

  • danke, HB, für den Beitrag, guter Artikel.
    Eins ist klar: wird der Euro künstlich am Leben erhalten, kostet das nicht nur Wohlstand, sondern Demokratie, Souveränität, Freiheit und (sozialen) Frieden.

  • ES GIBT AUCH ANDERE Teil 2
    Wohl gebettet in seinem wohlhabenden Familiennetzwerk fordert er weiter die Kanzlerin möge ihr Amt opfern. Da kommt einer daher, der die Fußstapfen seiner (Zieh)Väter nicht annähernd ausfüllt und lediglich einen bekannten Namen trägt und fordert von anderen; sie mögen ihr Amt aufgeben, er geht noch weiter, wird noch radikaler und schreit fanatisch nach einem „Europa oder NICHTS“. Hat den dieser Mensch auch nur den Hauch einer Ahnung, was ein NICHTS für den durchschnittlichen Bürger dieses Landes, dessen Kinder und Kindeskinder bedeutet? Ja was es für das ganze Land bedeutet ? Wohl kaum. Ist er sich dessen überhaupt bewusst welche soziale Sprengkraft diese Worte beinhalten? Wohl kaum. Hat er NICHTS aus der Geschichte gelernt? Wohl kaum
    Warum sollte sich auch einer wie er darüber Gedanken machen. Während seine Alternative „NICHTS“ die finanzielle und existenzielle Verelendung ganzer Völker bedeutet, dürfte sich dieser Mensch in der bequemen Hängematte seines familiären Netzwerkes entspannt zurücklegen und der Dinge harren die da kommen werden. Er hat ja, im Gegensatz zu Millionen Andereren, NICHTS zu verlieren.
    Hier der Link: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-was-angela-merkel-jetzt-machen-muss-a-840717.html
    Auch ich möchte mich bei Herrn Riecke bedanken für seinen kritischen und sachlichen Kommentar, der sich wohl tuend, vom Kommentar eines jakob augstein abhebt.

  • ES GIBT AUCH ANDERE Teil 1
    So tönt ein Jakob Augstein fanatisiert in seiner Kolumne bei Spon zitiere:
    "Merkel muss die europäische Integration beschleunigen. Jetzt. Sofort. Sie muss das widerspenstige Volk und die zögerliche Partei hinter sich sammeln. Ihr Schlachtruf muss sein: Europa oder nichts!“
    Er spricht vom Deutschen Souverän, als einem "WIDERSPENSTIGEN Volk"; wie von einem kleinen schlecht erzogenen Kind, dem gezeigt werden muss, wo es lang zu gehen hat. Er spielt sich mit dieser Wortwahl auf und fordert eine maßregelnde Funktion, die er vielleicht gerne hätte, die ihm aber Gott sei Dank nicht zusteht.
    Da fordert das (Zieh)Söhnchen eines Rudolf Augstein und leibliches Söhnchen eines Martin Walser „ein Europa oder Nichts“. Er schreit diesen Schlachtruf nicht selbst; nein das könnte ja gefährlich werden. Dieser Mensch beabsichtigt schreien zu lassen; NICHT irgendwer ; nein die Kanzlerin höchst persönlich. Hat er überhaupt was zu fordern ? Hat er ein Recht „Ein Europa oder NICHTS“ zu fordern, nur weil er etwa Augstein heißt; welche Anmaßung, welche Einfalt; da fehlen einem einfach die Worte.

  • Bravo Herr Riecke, das sind andere Töne als die antideutschen Tiraden der angelsächsischen Mietmäuler!

  • die news werden immer besser

    und frei nach CAto dem Alten

    "Übrigends fordere ich das der Moloch in Brüssel zerschlagen wird"

  • Vielen Dank für diesen ausgezeichneten Kommentar!

    Es zeigt sich doch deutlich, dass die Devise: Rettet den Euro, egal was es kostet, eben nicht zu einer Rettung Europas führen muss, sondern die Euro-Völker und die EU-Mitglieder immer stärker gegeneinander aufbringt. So wie es derzeit aussieht ist eine Ende des Euros noch nicht unbedingt ein Ende Europas, aber bei einem "weiter so" ist nicht auszuschließen, dass ganz Europa zerbricht. Also ist es höchste Zeit, dieses von Anfang an falsche Experiment von "Idealisten" (man könnte auch sagen "völlig Unwissenden") zu beenden und den Euro geregelt abzuwickeln (oder auf ein Kern-Eurogebiet der Nordländer zu beschränken), um wenigstens Europa noch zu retten. Oder ist uns das Europa, so wie es vor dem Euro war, nichts wert? Es hatte jedenfalls mehr Vertrauen und Zustimmung in der Bevölkerung in allen EU-Ländern als heute in den Euro-Ländern. Schluss mit dieser Fehlkonstruktion!

  • Langsam kommt die Realität auch in den Redaktionsstuben an und dabei befinden wir uns noch ganz am Anfang der großen Probleme. "Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab." (indianisches Sprichwort)


  • Scheitert der Euro, scheitern Regierungen. ZB die von Frau Merkel. Für die durch die Währungsunion gebeutelten Länder Südeuropas wäre ein Ende des Euro aber die große Chance für einen Neubeginn.

    Eine große Wirtschaftskrise kommt sowieso - je länger es den Euro gibt, desto größer wird sie sein.

  • @PRAWDA
    Sehr schöner Lagebericht, vollste Zustimmung meinerseits.

    Hinzufügen könnte man noch, das der Euro schon jetzt moralisch, juristisch, politisch und finanziell am Ende ist.

    Die permanente Eurorettung hat erst die Ansteckung, vor der man sich so sehr gefürchtet hat, erzeugt. Im Prinzip hat jetzt die ganze Eurozone und EU eine Sepsis im Endstadium. Und die Sepsis zieht sich durch alle Bereiche. Good Job, well done!

    Unsere politische Elite will jetzt noch schnell den finalen Verantwortungstransfer nach Brüssel durchführen, um sich nicht vor ihrem verkauften Volk verantworten zu müssen.

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