Kommentar
Europa, Sündenbock der Weltkonjunktur

Alle großen Wirtschaftszonen zeigen dieser Tage mit dem Finger auf Europa - um zu demonstrieren, wie man es besser nicht macht. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es auch anderswo erhebliche Probleme gibt.
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Europas Politiker und Notenbanker werden ein dickes Fell brauchen, wenn sie diese Woche zur Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank nach Tokio reisen. Denn selten waren sich Nordamerikaner, Japaner, Chinesen und die Vertreter anderer Schwellenländer so einig wie dieses Jahr: Europa trägt Schuld daran, dass die Weltwirtschaft schwächelt.

Würden die Europäer endlich ihre Schuldenkrise in den Griff kriegen, könnte die Weltkonjunktur wieder kräftig anziehen. Das lässt sich nicht bestreiten - andererseits stimmt aber auch, dass Europa seine Strukturprobleme wenigstens anpackt, statt nur zu versuchen, sie mit immer mehr Geld zuzuschütten.

Dass die Strategie anderer Wirtschaftsblöcke viel besser funktioniert, lässt sich nicht behaupten. Die dritte Runde des "quantitative easing", wie die Geldschwemme in den USA beschönigend genannt wird, verpufft gerade. Die Börsianer freuen sich noch über frisches Spielgeld, doch die meisten Ökonomen sind längst ernüchtert. Der Versuch der US-Notenbank, strukturelle Probleme als eine besonders hartnäckige Konjunkturkrise zu interpretieren und mit immer mehr Geld zuzuschütten, stößt für alle sichtbar an Grenzen. Billiges Geld erzeugt zum Beispiel keine gut ausgebildeten Fachkräfte.

Japan weiß schon seit Jahrzehnten, dass auch dauerhafte Nullzinsen plus Konjunkturprogramme keinen Aufschwung erzeugen, wenn strukturelle Reformen ausbleiben. Trotzdem geht das Land diesen Weg weiter, solange sich der Schuldenberg des Staates noch intern refinanzieren lässt.

Im Vergleich zu den USA und Japan sind die Europäer auf dem richtigen Weg, auch wenn es im Moment nicht so scheinen mag. Die Südeuropäer durchleiden eine schmerzhafte Anpassung, und Länder wie Frankreich begeben sich ebenfalls auf den Reformkurs, um Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizite abzubauen. Dass das eine Rezession erzeugt, ist kein Wunder, und dass diese Rezession irgendwann auch die deutsche Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde, war klar.

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