Kommentar
Ex-Atomlenkerin greift Sarkozy scharf an

Um Anne Lauvergeon, geschasste Chefin des französischen Nuklearkonzerns Areva, tobt eine wahre Schlammschlacht. Lauvergeon klagt, ihr Mann sei ausspioniert worden - und wittert Missgunst gegen sich im Élysée-Palast.
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Vorwürfe wegen des Kaufs einer Uranmine in Afrika, die angebliche Vorbereitung zur Zerschlagung eines der größten Atomkonzerne und jetzt auch noch eine direkte Attacke von dessen gestürzter Chefin gegen keinen Geringeren als den Präsidenten der französischen Republik: Die seit Monaten schwelende Affäre um das Ausscheiden von Areva-Chefin Anne Lauvergeon hat sich gestern zum Wirtschaftskrimi gemausert.

Lauvergeon stand zehn Jahre an der Spitze des vom Uran bis zum Atomkraftwerk die gesamte Lieferkette bedienenden staatlichen Unternehmens, das früher ein enger Partner von Siemens war. Im Juni 2011 wurde sie zum Rücktritt gezwungen. Jetzt griff sie zum ersten Mal die Spitze des Staates frontal an: „Allerhöchste Stellen“ hätten sie „systematisch destabilisiert“ und gegen sie gearbeitet. Sie werde in Verruf gebracht, ihr Mann sei ausspioniert worden und das alles nur mit einem Ziel: Ihre industrielle Strategie solle in Misskredit gebracht werden, um Areva dann zu zerschlagen und in Einzelteilen verkaufen zu können. Dahinter sollen private Interessenten stehen, die gute Beziehungen zu Nicolas Sarkozy haben.

Lauvergeon will gegen Ende des vergangenen Jahres erfahren haben, dass eine private Detektei ihren Mann ausforschte wegen des Verdachts, er habe vom überteuerten Kauf einer Uranmine in Namibia durch Areva im Jahr 2007 profitiert. Damals, als der Uranpreis einen Höchstwert erreicht hatte, kaufte Areva für 1,8 Milliarden Euro die Mine von einem kanadischen Unternehmen. Seitdem ist der Uranpreis abgesackt, auf den Wert der Mine wurden 1,4 Milliarden Euro abgeschrieben. Auch deshalb wird das Unternehmen 2011 einen Verlust ausweisen.

War der Kauf ein Irrtum? Nein, sagt interessanterweise ein Konzernsprecher: Den Preisverfall habe niemand voraussehen können, er gehe vor allem auf Desinvestitionen von Hedge-Fonds zurück, die Verluste abdecken mussten. Die von Lauvergeon verfolgte Strategie, die eigene Rohstoffversorgung zu sichern und so den Kunden Liefersicherheit bieten zu können, sei völlig richtig gewesen. „Ein integriertes Unternehmen hat große Vorteile – Westinghouse kauft sich gerade in Brennstoffaktivitäten ein.“ Das Unternehmen scheint also nach wie vor zur Ex-Chefin zu stehen, auch wenn die jetzt in die offene Feldschlacht gegen den wichtigsten Anteilseigener (87 Prozent) Staat zieht.

Was ist von Lauvergeons Vorwurf zu halten, Sarkozy wolle Areva in Einzelteilen verscherbeln? Das wichtigste Argument ist die auf Anordnung des Élysées erfolgte Bündelung aller Minen in einer eigenen Filiale – nach Meinung von Lauvergeon die Vorstufe zum Verkauf, möglicherweise an Katar. Dem hält der Konzern selbst entgegen, dass die Filiale es erleichtere, Partner für die teure Erschließung von Minen zu gewinnen.

Zwischen Areva und dem Energieriesen EDF wurde lange gestritten, wer das französische Nukleargeschäft führt. Areva hatte kompetenzmäßig die Nase vorn, doch vor knapp einem Jahr wies Sarkozy EDF die Schlüsselrolle zu. Eine völlige Neugruppierung der von Areva gehaltenen Aktivitäten könnte der nächste Schritt sein. Je mehr sich die Schlammschlacht zwischen Lauvergeon und dem Élysée ausweitet, desto schwieriger wird es aber, eine geordnete Lösung und externe Interessenten zu finden.

Der Autor ist erreichbar unter: hanke@handelsblatt.com

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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  • AREVA gehört zum Komplex der staatsnahen Französischen Unternehmen. Diese sind sehr politisch und weniger wirtschaftlich geführt und so ergeben sich naturgemäss immer wieder politische Streitigkeiten.

    AREVA hat ein sehr margenträchtiges Geschäft mit Nuklearbrennstoff, Wartung und Reperaturen in Europa und weltweit.

    Herausforderungen sind der sehr komplex geratene EPR Reaktor der sich durch AREVA nicht kostendeckend bauen lässt und diverse politische Abenteuer.

    Vandale

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