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Kommentar: Facebooks kurzweiliges Gedächtnis

Facebook wird zur modernen Chronik eines jeden Menschen. Das Vergessen wird gebannt. Wer das als Fortschritt empfindet, sollte einmal die Einträge seiner „Freunde“ studieren.

Facebook: Kollektiver Gewinn oder kollektiver Ballast? Quelle: dpa
Facebook: Kollektiver Gewinn oder kollektiver Ballast? Quelle: dpa

Ein Buch mit später Lyrik von Jorge Luis Borges ist auf Deutsch unter dem Titel „Besitz des Gestern“ erschienen. Natürlich wusste der argentinische Dichter sehr genau, dass wir das Gestern niemals als unverlierbaren, unveränderlichen Schatz besitzen. „Die Vergangenheit ist Ton, den die Gegenwart nach Belieben knetet“, lautet eine seiner Zeilen. Eine andere: „Du bist Wolke, bist Meer, bist das Vergessen. Du bist auch das, was du verloren hast.“ Oder: „Die Erinnerung prägt keine Münze.“

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Wir wissen, dass alte Menschen sich vor allem an lang Vergangenes erinnern. Aber wer sich auskennt, weiß auch, dass Alte manchmal ihr ganzes Leben vergessen. Über meinen Vater wusste ich in seinen letzten Jahren viel mehr als er selbst. Aber was ist mit solchen Menschen, wenn sie keine Kinder haben? Dann kommt das Vergessen schon vor dem Tod.

Frank Wiebe ist Kolumnist beim Handelsblatt. Quelle: Pablo Castagnola
Frank Wiebe ist Kolumnist beim Handelsblatt. Quelle: Pablo Castagnola

Doch jetzt schwingt sich ein Retter auf gegen das große Vergessen: Facebook. Penibel und chronologisch listet Mark Zuckerbergs Netzwerk passend zum geplanten Börsengang auf, was wir ihm über uns verraten haben – ob es sich um alte Bilder handelt oder Nachrichten an Freunde. Oder Reaktionen auf die Frage: „Was machst du gerade?“ Die Antworten ermöglicht wie: „Ich sitze vor dem Bildschirm.“ Oder: „Ich langweile mich im Büro zu Tode, aber verratet das nicht meinem Chef.“ Vielleicht auch: „Ich flirte mit meiner Kollegin, aber sie nicht mit mir.“

Alles, alles, was wir sinnreich gepostet, geteilt oder geliked haben, bleibt im Gedächtnis des weltweiten Netzes erhalten – zum Nutzen der Werbeindustrie. Und das, was andere eingetragen haben: So können wir auch in zehn Jahren noch feststellen, wer uns 2012 zum Geburtstag gratuliert hat. Oder uns an der „Freundin“ erfreuen, die per Facebook jede Weihnachten allen anderen schöne Weihnachten wünscht, worauf alle anderen schöne Weihnachten zurückwünschen. Ist das nicht ein echter Fortschritt im Kampf gegen „el olvido“, das Vergessen, das Borges so sehr beschäftigt hat? Wenn die Geisteskräfte nachlassen und wir anfangen zu vergessen, wer wir sind, gibt es eine tröstliche Gewissheit: Facebook weiß es immer noch.

Und die Geschichte geht noch weiter. Facebook wird auch das Gedenken nach dem Tod perfektionieren. Wenn die erste User-Generation sich dereinst verabschiedet haben wird, werden ganze Facebook-Friedhöfe entstehen. Dann können die Inhaber der Seiten die Frage „Was machst du gerade?“ zwar nicht mehr beantworten, aber doch virtuell die Trauerbekundungen des virtuellen Freundeskreises entgegennehmen. Diese Art von Seelengräbern brauchen dann auch nicht mehr nach 15 Jahren umgegraben zu werden. Sie werden auf ewig weiterbestehen.

Aber Facebook ist nur Teil einer großen Geschichte. Borges ist quasi in der Bibliothek seines Vaters aufgewachsen. Sie hat nicht nur seine Kindheit, sondern sein ganzes Leben geprägt, das er, obgleich im Laufe der Zeit mehr und mehr erblindet, zum großen Teil in Bibliotheken verbracht hat. Für ihn waren sie das große Gedächtnis der Menschheit – der Papier gewordene Besitz des Gestern.

Doch das Papier hat bald ausgedient. Die stillen, von dunklen Regalen umschlossenen Räume auch, in denen sich Bücher bis zur Decke stapeln. Auf einem einzigen E-Book-Reader lassen sich schon mehr Bücher unterbringen, als die meisten Leute in ihrer Wohnung haben. Und das Internet ist ohnehin ein einziges riesiges Gedächtnis, aus dem fast nie etwas wirklich und endgültig gelöscht wird. Am Ende ist das Schicksal der Menschheit vielleicht noch schrecklicher als das große Vergessen: dass sie bald gar nichts mehr vergessen kann – und sei es noch so banal.

Der Autor ist erreichbar unter: wiebe@handelsblatt.com

  • 05.02.2012, 17:31 UhrAnonymer Benutzer: anhalter

    wie gut daß hier die schlauen sind. die sich zwar nicht über die breite spur ihrer handys, kredit- und rabattkarten (einschließlich ihres täglichen surfverhaltens) und die datensammelwut von staat und gewerbe, aber selektiv über googlemap und facebook sorgen machen.

  • 05.02.2012, 14:40 UhrAnonymer Benutzer: Baluba

    Wir regen uns über die STASI auf und hier sammeln die Dummkopfel alles freiwillig für den den Staatssicherheitdienst.
    Früher STASI heute Facebook. Verkehrte Welt.

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