Kommentar
Falsches Signal

Der Sinkflug des Dollars droht in den freien Fall überzugehen. In den vergangenen zwei Jahren legte der Euro zur US-Währung gut 30 Prozent zu, allein in den zurückliegenden drei Monaten mehr als zehn Prozent.

Das letzte Mal, als der Dollar so stark und so tief fiel wie derzeit, Anfang der neunziger Jahre, glitt Europa in die Rezession. Dies droht sich zu wiederholen. Laufend senken Banken und internationale Institutionen ihre Wachstumsprognosen. Sie haben Mühe, die Prognosen dem täglich steigenden Euro-Kurs anzupassen.

Und was macht die Europäische Zentralbank (EZB)? Völlig ohne Not verkündete ihr Präsident Jean-Claude Trichet, dass der EZB-Rat sich mit dem Gedanken trage, den Leitzins zu erhöhen. Dabei lernt jeder Ökonomiestudent im ersten Semester, dass steigende Zinsen geeignet sind, den Wechselkurs eines Landes nach oben zu treiben.

Falls die EZB damit den Vereinigten Staaten klar machen wollte, dass sie deren Drängen auf eine wachstumsfreundlichere Politik nicht nachgeben wird, ist der Schuss nach hinten losgegangen. Aus dem US-Finanzministerium und dessen Umfeld heißt es seither deutlicher denn je, dass sich die USA einen schwachen Dollar wünschen.

Der EZB-Rat hat seiner Reputation an den Finanzmärkten schwer geschadet. Warum sollten die Devisenhändler Warnungen der EZB vor Übertreibungen ernst nehmen, wenn diese die eigene überbewertete Währung noch weiter nach oben treibt? Das ist nicht das verantwortliche Handeln, das man von einer unabhängigen Institution wie der EZB erwarten kann.

Einen triftigen Grund für ihre kontraproduktive Kommunikationspolitik hat die EZB nicht. Die Inflationsgefahren, die Trichet gebetsmühlenartig beschwört, sind hypothetischer Natur. Die EZB prognostiziert für 2005 zwei Prozent Inflation und für 2006 nur 1,6 Prozent.

Es gibt zudem keinerlei Anzeichen, dass überzogene Lohnabschlüsse drohen. Wenn die EZB so weitermacht, schwächt sie sich im Streit mit den Regierungen um die Zuständigkeit für die Wechselkurspolitik selbst.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%