Kommentar: Fukushima im Schweinestall

Kommentar
Fukushima im Schweinestall

Die Agrarlobby wiederholt die Fehler der Atomkonzerne. Aus der „Massentierhaltung“ werden beim Bauerpräsident „große Ställe mit Wellness- und Relax-Zonen“. Die Agrarindustrie muss anfangen, den Wandel mitzugestalten.
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Man möge doch von „Kernenergie“ statt von „Atomkraft“ reden, forderte der damalige RWE-Chef Jürgen Großmann 2009 live in einem Fernsehinterview. Und nicht von einem „Atomkonzern“ sprechen, sondern von einem „Energieversorger“. Aus der erhofften Laufzeitverlängerung für die Kraftwerke wurde trotz der Wortklauberei bekanntlich nichts.

Knapp vier Jahre später gibt auch Joachim Rukwied Formulierungshilfe. „Massentierhaltung“ gebe es in Deutschland nicht, allenfalls „große Ställe mit Wellness- und Relax-Zonen“, sagte der Bauernpräsident auf der Agrarschau Grüne Woche, die am Sonntag endet. „Massentierhaltung“ sei ein Kampfbegriff destruktiver Gruppen, mit denen die Branche nicht mehr sprechen wolle.

Doch diejenigen, die gegen die Agrarbranche Sturm laufen, werden zahlreicher. Im Berliner Stadtbild sind die Protestplakate nicht weniger auffällig als die große Werbekampagne der Messe. Auf 30.000 Teilnehmer schätzten die Organisatoren die zentrale Gegendemonstration. Für Sonntag sind neue Proteste geplant.

Der Agrarlobby ist die Deutungshoheit über die Landwirtschaft entglitten – so wie einst den Energiekonzernen die Meinungsführerschaft über die Atomkraft. Selbst dort, wo die Bauernvertreter auf Kritiker eingehen wollen, kreisen sie in ihrer eigenen Argumentationswelt: So war eine Diskussionsveranstaltung auf der Grünen Woche über Tierschutz überschrieben mit „Unseren Kühen geht es gut! - Brauchen wir trotzdem einen Perspektivwechsel?“.

Solche Selbstgewissheit erinnert fatal an die Atomwirtschaft. Und so muss auch die Landwirtschaft damit rechnen, über kurz oder lang eine politische Regulierung zu bekommen, bei der sie kaum noch mitredet. Zu offensichtlich sind die Mängel bei Tierschutz und Ethik, aber auch die Belastungen für Dorfgemeinschaften.

Schon nach der BSE-Krise von 2001 sprach die erste grüne Landwirtschaftsministerin, Renate Künast, von einer Agrarwende. Heute verfolgt die Bundesregierung das Ziel, 20 Prozent Biolandwirtschaft zu erreichen. Noch sind Fördergelder das Instrument der Wahl. Doch die regulatorischen Eingriffe nehmen zu. Legebatterien für Hühner sind seit 2010 verboten, einzelne Länder wie Nordrhein-Westfalen untersagen seit kurzem das bislang übliche reihenweise Töten von männlichen Küken. Im Koalitionsvertrag kündigt Schwarz-Rot eine „nationale Tierwohl-Initiative“ an. Die Regierung werde sich für EU-weit höhere Tierschutzstandards einsetzen.

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Verbraucher trauen Bauern nicht mehr

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  • Hallo Ihr Stallviehfleischesser, wenn ihr wissen wollt,wie leicht man zu schweren Krankheiten kommt, dann schaut Euch mal die letzten 15 min des Films Unser täglich Gift auf Youtube an. Das sollte eigentlich genügen.

  • Vegetarier leben gesünder. Denn Fleischverzehr fördert das Risiko von Herzinfarkten, Blinddarmentzündungen, Bluthochdruck, Osteoporose, Arthritis, Magengeschwüren, Nierensteinen, Diabetes und Krebs!



  • Gutes Video zu diesem Thema: "Poker um deutsche Äcker"
    http://www.youtube.com/watch?v=UM90ydGDkBs

    Wenn schon die Politik bisher herzlich wenig gegen das ausufernde industrielle Agrarsystem tut sollten wenigstens wir Verbraucher mit den Fuessen abstimmen und bevorzugt regionale Produkte / Bioprodukte kaufen (auch wenn sie ein paar Cent mehr kosten) und Discounter meiden und so ein Zeichen gegen das systematische Ausbeuten und Quälen von Tieren setzen.


    siehe auch www.spiegel.de/spiegel/print/d-83588351.html :

    "Großagrarier betrieben mit wenigen Angestellten ein durchrationalisiertes Geschäft. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es nur noch 4700 Agrarbetriebe mit 26 000 Beschäftigten - in Nordrhein-Westfalen, wo die landwirtschaftliche Gesamtfläche kaum größer ist, sind es 36 000 Unternehmen mit 124 000 Arbeitskräften"


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