Kommentar
Gänse fordern Manager heraus

Die Vogelgrippe hat Europa erreicht. Gefahr droht aber nicht durch infizierte Wildgänse aus Vorderasien, die über bundesdeutschen Hühnerställen kreisen.

So weit ist es – noch – nicht. Vielmehr kreist die Infektionskrankheit schon heute als virtuelle Bedrohung über der Wirtschaft. Die Ernährungsindustrie ist naturgemäß aufgeschreckt. Allein der pure Verdacht, von Pute und Ente aus dem Kühlregal könne eine Ansteckungsgefahr ausgehen, wächst sich zu einer Katastrophe für Handel und Hersteller aus. Wenn die Konsumenten erst einmal in Panik geraten, helfen keine guten Argumente mehr.

Doch an dieser Stelle soll nicht die geschäftsmäßige Hektik dieser Branche beleuchtet werden. Viel interessanter sind die Auswirkungen der Vogelgrippe auf das Finanzgewerbe. Das arbeitet inzwischen mit Katastrophenszenarien: bis zu 50 Prozent Personalausfall durch die Epidemie. Wenn das keine Panik ist. Doch gemach: Diese These stammt lediglich von einer Bank, immerhin der drittgrößten dieser Welt. Die in London ansässige HSBC richtet sich nach eigenen Angaben darauf ein, dass sie im Extremfall mit der Hälfte ihres Personals auskommen muss. Nicht, weil die Grippe die anderen Beschäftigten dahinraffen würde. Nein. Käme es zu einer Epidemie, würde jeder zweite HSBCler zu Hause bleiben. Zur Vorsicht, versteht sich. Auch andere Großbanken, behauptet das Geldinstitut, richteten sich auf vergleichbare Szenarien ein. Nur sagt es keiner. Vielleicht liegt es an den asiatischen Ursprüngen der HSBC, dass sie die Gefahren der Grippeviren so ernst nimmt.

Vielleicht liegt es einfach daran, dass die HSBC ein sehr professionelles Krisenmanagement betreibt. Dafür spräche schon der Name des Informanten. Er ist Head of Group Crisis Management. Leider blieb gestern keine Zeit für eine Umfrage unter den führenden deutschen Konzernen. Die wäre ohnehin ergebnislos verlaufen. Wer leistet sich schon einen ständigen Krisenstab?

Vermutlich kaum jemand. Denn die meisten Konzernführer erkennen Krisen immer erst dann als ein ernsthaftes Managementthema, wenn es zu spät ist. Weder Volkswagen oder Infineon waren bei ihren jüngsten Skandalen auf den Notfall vorbereitet, noch Firmen wie Bayer, denen vor Jahren der Cholesterinsenker Lipobay um die Ohren flog. Die HSBC-Krisentruppe hat jedoch vorgesorgt – bestimmt nicht nur für eine Grippe-Epidemie.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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