Kommentar
Gefahr für den Euro

Die Wahl von François Hollandes zum französischen Premier bedeutet eine Zäsur der Eurorettung. Sein Wirtschaftsprogramm könnte die zweitgrößte Wirtschaftsnation im Euro-Raum neutralisieren.
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Zu Recht haben Beobachter in den letzten Wochen darauf hingewiesen, dass die Wahl François Hollandes eine Zäsur bei den Bemühungen zur Rettung des Euros bedeuten könnte. Kaum Beachtung fanden dagegen der ökonomische Zustand Frankreichs selbst - immerhin der zweitgrößten Volkswirtschaft im Euro-Raum - und die Frage, wie sich das Wirtschaftsprogramm Hollandes auf die Gemeinschaftswährung auswirken wird.

Frankreich steckt in einer tiefen Krise: Der Default-Index des Centrums für Europäische Politik misst die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, die im Ausland aufgenommenen Kredite zurückzahlen zu können. Er legt offen, dass Frankreich im Niedergang begriffen ist. 2011 sank der Index für Frankreich zum vierten Mal in Folge. Der Grund sind steigende Leistungsbilanzdefizite des Landes, die über immer höhere Auslandskredite finanziert werden. Ausgelöst wurde dies durch eine Erosion der Wettbewerbsfähigkeit, die sich in der Entwicklung der französischen Lohnstückkosten manifestiert. Seit der Einführung des Euros sind sie um 26 Prozent gestiegen - gegenüber sechs Prozent in Deutschland.

Die Differenz indiziert die Wettbewerbsfähigkeitslücke. In der Zeit vor der Einführung des Euros hatte Frankreich überdurchschnittlich steigende Lohnstückkosten durch Abwertungen seiner Währung neutralisiert: 1953 entsprach ein Franc einem Gegenwert von 1,19 DM, bei Einführung des Euros waren es noch 30 Pfennig. Dieser Weg ist nun verbaut. Die Wettbewerbsfähigkeit kann nur durch die Senkung der Lohnstückkosten hergestellt werden.

Dies kann auf zwei Arten geschehen: durch eine Steigerung der Produktivität mittels Investitionen und Innovationen oder durch eine Senkung der Arbeitskosten. An der Innovationsfähigkeit hapert es, das Gros der französischen Exportprodukte sind Güter mit geringem oder mittlerem Technologiegehalt, die auch Schwellenländer herstellen - und das billiger. Diese Entwicklung lässt sich allenfalls längerfristig umkehren. Zwingend erforderlich ist daher eine Senkung der Arbeitskosten.

Zu dieser existenziellen Herausforderung steht in Hollandes Wahlprogramm nichts. Strukturreformen auf dem Arbeitsmarkt plant er nicht, auch nicht eine Erhöhung des Renteneintrittsalters oder eine Senkung des Mindestlohns. Im Gegenteil: Der geplante Geldsegen für Unternehmen und der geforderte "spezifische Vertrag" des Staates mit französischen Unternehmen zur "Relokalisierung" ihrer ausländischen Fabriken lässt erwarten, dass Frankreich sich künftig dem globalen Wettbewerb stärker verschließen wird.

Dadurch droht dem Euro gleich dreifach Gefahr: Erstens scheidet Frankreich aus der Gruppe der Euro-Länder, die Strukturreformen als für den Euro-Erhalt unabdingbar ansehen, aus. Zweitens wird eine fortgesetzte Erosion der Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs zu einem immer höheren Bedarf an Auslandskrediten führen. Damit wird das Land immer weniger in der Lage sein wird, an der Seite Deutschlands für die Risiken der südeuropäischen Länder mit zu haften. Drittens droht Frankreich bei weiter nachlassender Kreditfähigkeit und steigenden Risikoprämien auf längere Sicht selbst zu einem Land zu mutieren, das Hilfe benötigt. Spätestens dann zerbricht der Euro.

Kommentare zu " Kommentar: Gefahr für den Euro"

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  • Die Geschichte hat ja gezeigt wie sinnvoll es war extreme Parteien zu wählen. Aber die Völker müssen dieselben Fehler immer wieder begehen.

  • Was heißt da "Gefahr für den Euro"?
    Es ist doch sehr lobenswert, wenn das alles bald vorbei ist! Allerdings brauchen wir für den Neuanfang neue Parteien - die Piraten sind da wohl nicht die Richtigen. Da kommt zu wenig, viel zu wenig!

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