Kommentar
Gefahren in Gütersloh

Das Pokerspiel um Bertelsmann ist entschieden. Der belgische Finanzmagnat Albert Frère räumt in Gütersloh groß ab. Da dürften in Brüssel die Champagnerkorken knallen. In Gütersloh bei Bertelsmann gibt es hingegen statt Sekt wohl nur Selters.

Frères Investmentgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert (GBL) kassiert sagenhafte 4,5 Milliarden Euro für den Verkauf des Aktienpakets von 25,1 Prozent an Europas größtem Medienkonzern. Die Patriarchenfamilie Mohn ist bis an ihre Schmerzgrenze gegangen.

Für die Verhinderung eines Börsengangs zahlt sie einen hohen Preis. Denn die künftige hohe Verschuldung paralysiert den Branchenprimus in Europa. Während die börsennotierten Konkurrenten aus den Vereinigten Staaten wie Disney oder Viacom geschickt die Möglichkeiten der Börse nutzen, steht Bertelsmann zwangsläufig am Rande. Bei den milliardenschweren Übernahmen in dem sich schnell verändernden Medienmarkt dürfte der Konzern mit den neuen Schulden im Nacken künftig mehr Beobachter als Akteur sein. Nur ein Drittel der Summe, die dem Unternehmen im vergangenen Jahr für neue Investitionen zur Verfügung stand, wird es in diesem Jahr ausgeben können.

Von Anfang an war klar: Die Mohns scheuen die Börse wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb überrascht nicht der Rückkauf der Anteile an sich – höchstens die Geschwindigkeit, mit der der Deal zu Stande kam, und vor allem der hohe Preis, den die Mohns zahlen. Offenbar wollten die Besitzer auch schnell für Ruhe im Konzern sorgen. Die vagen Aussagen von Vorstand und Mehrheitsgesellschaftern zur Zukunft des Konzerns haben schließlich auch in den eigenen Reihen für Verunsicherung gesorgt.

Auf den ersten Blick kehrt Bertelsmann mit dem beschlossenen Aktienrückkauf zu den eigenen Wurzeln zurück. Doch die viel beschworene Unternehmenskultur von Bertelsmann, die Reinhard Mohn einst begründete, ist längst brüchig geworden. Viele Manager nehmen die Grundsätze Mohns wie partnerschaftliches Verhalten und gesellschaftliche Verantwortung längst nicht mehr für bare Münze. Unter seiner Ehefrau Liz Mohn gelten offenbar andere Gesetze in Gütersloh.

In den vergangenen Jahren hat sich Bertelsmann überwiegend defensiv verhalten. Geschäftsbereiche wurden aufgegeben, in der traditionell gewinnträchtigen Fachinformationssparte hat der Konzern nichts mehr zu melden. Die Verlagstochter wurde bereits vor Jahren an Finanzinvestoren verkauft, um schon damals Schulden abzubauen. Und im Internet? Im Onlinegeschäft spielen die Gütersloher weltweit keine wesentliche Rolle mehr. Gestern kündigte Konzernchef Gunter Thielen nun auch noch den lange erwarteten Rückzug aus dem Musikverlagsgeschäft an, um das Milliardengeschäft mit dem Belgier Frère zu finanzieren. Bertelsmann droht so der Abstieg aus der Champions League der internationalen Medienkonzerne.

Deshalb braucht das Unternehmen mit der definitiven Absage an die Börse dringend einen unternehmerischen Neuanfang. Ohne den ungeliebten Minderheitsaktionär könnten dabei Kräfte freigesetzt werden, die dem Konzern eine langfristige Perspektive geben. Mut statt Angst muss deshalb jetzt die Devise für das Management in Gütersloh heißen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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