Kommentar
Geheimnis des Erfolgs

Sind die Franzosen verrückt? In Deutschland wird wieder 40, bald gar 42 Stunden pro Woche gearbeitet – und in Frankreich nur 35. Haben die Franzosen noch nie den Schlager der Standorthitparade „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“ gehört? Doch, haben sie. Aber sie lamentieren weniger als die Deutschen, haben sich angepasst – flexibel und unaufgeregt.

Zudem: Dass ganz Frankreich nur 35 Wochenstunden arbeitet, ist eine Mär. Zwar sind die Gesetze zur Arbeitszeitverkürzung von 1999 Ungetüme des Dirigismus. Aber längst sind sie durch zahlreiche Ausnahmen durchlöchert worden. Dass in der letzten Woche mehrere Firmen Betriebsvereinbarungen à la Siemens und Daimler-Chrysler abschlossen und die Arbeitszeit verlängerten, beweist: Es geht.

Frankreichs Wirtschafts- und Sozialpolitik ist weniger dogmatisch geworden. Während hier zu Lande immer noch die Flächentarifverträge als Bollwerk gegen unsoziale Umtriebe verteidigt werden, suchen die Franzosen immer öfter nach der pragmatischen Einzelfalllösung. Viele Firmen haben die 35-Stunden-Gesetze genutzt, um Arbeit zu flexibilisieren: Mehr „just in time“, Wochenendschichten im Boom, mehr Werksferien in der Flaute. Manager wie Peugeot-Chef Jean-Marie Folz sind hochzufrieden. Eine Arbeitszeitdebatte? Non, merci.

Frankreich hat drängendere Probleme. Weil die Regierung einfach nicht richtig sparen will, sinken auch die Abgaben nicht. Auch in Frankreich ist Arbeit viel zu teuer – und die jüngsten Renten- und Gesundheitsreformen ändern daran ebenso wenig wie ihre Pendants in Deutschland.

Der verheerende Effekt der 35-Stunden-Woche: In den öffentlichen Verwaltungen mussten Hunderttausende neu eingestellt werden. Dieser Wasserkopf verhindert, dass Premier Raffarin Steuern und Abgaben weiter senkt. Langfristig wird das teuer.

Kurzfristig aber fahren die Franzosen gut mit ihrem Motto: Nicht drüber sprechen, einfach machen. Und während in Deutschland das Wachstum immer noch weitgehend vom Export abhängt, brummt in Frankreich der private Konsum und stellt das Wachstum auf eine solidere Basis – ein Hauch von Paradies, gleich jenseits des Rheins.

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