Kommentar

Geld geht vor Moral

Siemens-Chef Joe Kaeser hat Wladimir Putin in der Residenz Nowo-Ogarjowo getroffen und die „vertrauensvollen Beziehung“ zu russischen Unternehmen gelobt. Mit seinem Besuch beim Kremlchef hat uns Kaeser blamiert.
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Kaeser bei Putin: Geld geht vor Moral

Wer seit 160 Jahren intensive Beziehungen zu Russland pflegt, wer schon den Zar, Lenin, Stalin, Chruschtschow und eben jetzt Putin trifft – für den ist die Besetzung der Krim durch Russland eine kleine „Turbulenz“, die sich schon wieder richten wird. So jedenfalls denkt Joe Kaeser, der Chef von Siemens.

Er hat gestern eine Stunde in Putins Vorzimmer gewartet, sich dann mit dem Kreml-Feldherrn an einen Tisch gesetzt und über Geschäfte geplaudert. Der Chef der russischen Eisenbahnen war auch dabei, er steht auf der Liste jener 33 Personen, die außerhalb Russlands Sanktionen fürchten müssen, weil sie Putins Kanonen-Politik besonders tatendurstig unterstützen. Kaeser kümmert das alles nicht. Ihn schert das Säbelrasseln der russischen Seite genauso wenig, wie die Einmütigkeit der westlichen Welt, die das Vorgehen Russlands in der Ukraine verurteilt.

Die Signale, die Kaeser damit aussendet, sind eindeutig. Sie lauten: Das Primat der Politik gilt für ihn nicht. Geld geht vor Moral. Die Rechnung des Machthabers im Kreml wird aufgehen. Sie lautet: Der Westen ist käuflich.

Wir können das beklagen. Und tun das an dieser Stelle: Herr Kaeser das tat weh. Wir können aber auch weiterdenken und sagen: Natürlich wollen wir die Geschäftspartner in Russland nicht verlieren. Aber es gibt Phasen, in denen gewichtige Gründe dafür sprechen, Geschäftsbeziehungen auf Sparflamme zu kochen. Sich einen Teil der Ukraine einzuverleiben ist so ein Grund.

Ein öffentlicher Besuch in Putins Empfangszimmer vor laufenden Kameras steht dem Chef des größten deutschen Industriekonzerns in dieser Phase nicht gut zu Gesicht. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Kaeser hat uns blamiert.

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12 Kommentare zu "Kommentar: Geld geht vor Moral"

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  • Herr Kaeser,das tat gar nicht weh! und recht getan.
    Diese schwaflige Entrüstung in den Medien ist sowas von scheinheilig.

    Wenn EU mit USA zusammen das Gleiche im Kosovo machen, dann ist das OK. Wenn Russland, mit 90% Zustimmung in der Bevölkerung der Krim, das macht ist es aber sowas von falsch.
    Plötzlich sind die (ultra-)Rechten in der Putschregierung unsere bevorzugten Partner.
    Timoschenkuh ruft zum Mord und Genozid an den Russen, das ist unsere neue Partnerin.
    Der alte Partner, weit weg von Russland, sagt wir sollen auf die Tube drücken. Klar Mr. President, schwächt ja nur unsere Wirtschaft.
    Btw: Ist das nicht der Präsident der Drohnen in 3.Länder schickt um da Menschen zu ermorden? Etwa der Präsident dessen Geheimdienst uns ausspäht und drauf scheißt?
    Genau dieser Präsident ist unser Freund, ein Freund der Konzentrationslager auf Tropeninsel betreibt.

    Wenn ich die Liste mal so durch gehe, schöne Freunde haben wir! Unsere Marionettenregierung ist echt ärmlich.

    Herr Stock, dieser Kommentar war nicht Ihr Glanzstück.

  • "Putins Kanonen-Politik" ???

    Hallo Herr Stock, mit großen Augen und etwas ungläubig, las ich gerade Ihren Kommentar.
    Bisher hielt ich Sie für einen aufrechten und ehrlichen Redakteur einer von mir gern gelesenen Zeitung.

    Putin macht also "Kanonen-Politik" ? Dies bestreite ich ernsthaft.
    Unbestritten ist, dass Bush und Blair 2003 ohne Not und unter massiver Vorspiegelung falscher Tatsachen einen illegalen Angriffskrieg begonnen haben. Der Tatbestand des Angriffskrieges ist im Statut des Haager Gerichts neben Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgeführt.
    Mehr als 110.000 Iraker haben in diesem Konflikt ihr Leben verloren.

    Allerdings erkennen die USA den Internationalen Strafgerichtshof nicht an. Im Gegensatz zu Russland.

    Aber Putin macht "Kanonen-Politik", schon klar.

    Außenpolitische Werte des Westens ? Da lachen ja die Hühner!


  • im Gegenteil, Herr Kaeser hat das einzig Richtige getan

  • "Mit seinem Besuch beim Kremlchef hat uns Kaeser blamiert."
    Nein hat er nicht. Er ist einer der Wenigen , die noch pragmatisch handeln.
    Blamiert hat uns Merkel, Steinmeier & Co.

  • Werter Herr Stock! Bitte zeigen Sie mir die Einmütigkeit der westlichen Welt! Sie können nur die Einfältigkeit der herrschenden Politrepräsentanten zeigen. Lesen Sie bitte mal die entsprechenden Kommentare in deutschen Onlinemedien. Berücksichtigen Sie dabei, das in vielen Medien heftigst zensiert wird. Diese, ihre Leser, sind auch Teil der "Westlichen Welt"!
    So wie Deutschland ein besonderes Verhältnis zu Israel pflegt, trotz aller Probleme, so ist auch das Verhältnis zu Russland ein besonderes. Deutschland hat die Russen im letzen Jahrhundert aufs schrecklichste malträtiert. Millionen Russen ließen ihr Leben um Deutschland vom Faschismus zu befreien.
    Joe Kaeser ist ein rationaler Mensch, der sich von der Propagandamaschine nicht beeinflussen lässt. Hier geht es nicht um Geld oder Gewissen, sondern um Geld und Gewissen!
    Die jetzige Politik der Bundesregierung hilft den Extremisten die Ukraine in die Spaltung zu treiben.
    Dass sich auch große Teile der deutschen Medienlandschaft an diesem miesen Spiel beteiligen, das tut weh. Das zeigt, das offensichtlich die gedruckte Meinung käuflich ist.
    Herr Stock Sie haben das Handelsblatt blamiert!

  • Zur Ergänzung: wenn man es objektiv betrachtet können wir dankbar seinen mit Putin einen so rationalen Regenten und keinen latent Irren wie Ahmanidedschad oder Kim Yong Un zu haben. Er hat mehrmals und seit Jahren beklagt, wie sehr er sich durch die Einkreisungspolitik des USA- verführten NATO-Westens (zurecht) bedrängt fühlt und wurde ignoriert, ausgelacht oder mit kosmetischen Einbindungsversuchen abgespeist. Dass er nun die drohende Einnahme der urrussischen Krim durch die NATO zum Anlass nimmt, Taten statt Worte sprechen zu lassen, die einzige Sprache die der arrogante Westen offenbar versteht, ist hochrational, folgerichtig und war vorhersehbar. Wenn auch die Perfektion mit der die Übernahme er Krim US-like durchgezogen hat und das Überraschungsmoment optimal ausnutzte, die Globalstrategen in Washington offensichtlich verblüffte.

  • Hallo Herr Chefredakteur einer westlichen Zeitung,
    es tut mir leid, dass der Siemens-Chef Sie oder Frau Merkel blamiert haben. Wenn jemand den Intellekt der Leser testen und blamieren möchte, dann sind das Ihre Worte. „Putins-Kanonenpolitik“ ist wohl eine Erfindung, die Sie sich patentieren lassen sollten. Auf der Krim wurden jedenfalls keine Kanonendonner gehört, höchstens ein Freuden-Feuerwerk. Ihre Blickwinkel-Verzerrung, dass die russische Seite ein Säbelrasseln veranstaltet, verheißt für Sie nichts Gutes. Wer das Glück hat, zurzeit die deutsche Medienlandschaft genießen zu dürfen, kann nur ein hausinternes Säbelrasseln gegen Russland erkennen. Noch so eine Blickwinkel-Verzerrung: Siemens oder der Westen sind doch nicht käuflich – ‚wir‘ wollen doch etwas verkaufen - , ohne dass das Geld(verdienen) vor Moral geht. Wenn Siemens an die Russen u.a. Hochgeschwindigkeitszüge verkauft, dann ist das moralisch nicht zu beanstanden. Moralisch zu beanstanden kann man aber durchaus eine über einen Leichenberg gegangene Putschistenregierung (die EU-Außenbeauftragte Ashton weiß, wie das gemeint ist), die vom Westen toleriert wird und von den USA schnell eingesetzt wurde (die US-Diplomatin Nuland weiß, wie das gemeint ist). Heute wird bekannt, dass der Gaspreis –vom westlichen IWF gefordert- für die ukrainische Bevölkerung und für die Unternehmen im ersten Schritt um über 50% steigen soll (Inflation und weitere Einschränkung der Wettbewerbsfähigkeit, demnächst womöglich Demos und Ausschreitungen, die man dann den Russen aufhalsen kann). Mit dem Putin-Abkommen wäre das, nämlich die Gaspreiserhöhung, nicht passiert. Soviel zu Moral und Anstand. – Hat das Handelsblatt über dasiae Gaspreiserhöhung schon informiert? Wenn nicht, dann schnell nachholen – ‚wir‘ wollen doch fair bleiben. Ihr Liveblock wurde eingestellt, da es ab vorgestern wohl nur schlechte Nachrichten aus der Ukraine geben wird. Ich kann Sie ja verstehen, bei Ihrer Haltung:Geld(verdienen) geht eben vor Moral

  • Herr Stock, danke für ihren hoffentlich ehrlich gemeinten Kommentar, denn er ermöglicht allen Lesern einen tiefen Einblick in ihre Denke. Ausdrücke wie "Kreml-Feldherrn" und "Putins Kanonen-Politik" machen deutlich, wes geistes Kind sie sind. Das buttermilchsaure Primat der verlogenen D/EU/USA/NATO-Politik scheinen sie bereits mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben. Überparteiischer Journalismus setzt immer einen gewissen Freigeist in den Köpfen der Chefredakteuren vorraus. Bei ihnen fällt es mir schwer, diesen in irgendeiner Weise zu erkennnen. Sehr Schade!:-(

  • Herr Stock macht den selben Fehler wie viele gutgläubige im Westen. Er kann oder will nicht verstehen, dass die Verinnahmung der Krim durch Putin FOLGE der zuvor praktisch erfolgten Vereinnahmung der Krim durch das Militärbündnis NATO ist. Das ist keine Frage der Moral sondern von sompler Machtpolitik. Wer den ersten Zug dieses Spiels gutheißt, kann nicht im selben Atemzug den zweiten von Putin kritisieren. Das Problem ist das Spiel selbst, nicht die Spieler die versuchen, es so gut sie können nach den Regeln, die es nun mal hat zu spielen.

  • Herr Stock, was halten Sie von folgender Argumentation?

    Putin haben die Entwicklungen in der Ukraine doppelt Sorge bereitet: Den Menschen dort ging es im Vergleich zu Russland immer schlechter, und die Annäherung der Ukraine an die NATO gefällt ihm aus historischen/persönlichen Gründen ganz und gar nicht. Putin weiß, dass sich die Krim-Bewohner stärker zu Russland hingezogen fühlen als zur (nun auch noch chaotischen) Ukraine.

    Zweitens beobachtet Putin recht genau, dass es westlichen Meinungsmachern, also Journalisten und Politikern, sehr gefällt mit erhobenen Zeigefinger das perfekt Gute zu propagieren (um das perfekt Gute in sich öffentlich darzustellen).

    Putin war es Leid, sich mit solchen realitätsfernen Gutmenschen herumzuschlagen, um sie zu überzeugen, ein international anerkanntes Referendum auf der Krim abzuhalten. Also hat er den kürzeren Weg gewählt, um sich und den Menschen auf der Krim einen Gefallen zu tun.

    Sanktionen und solche Artikel wie der Ihre, Herr Stock, sind aktiv praktizierter Kalter Krieg. Wirtschaftliche Beziehungen wie von Siemens und vielen, vielen anderen Firmen förderen dagegen die Werte für die wir stehen: mehr Wohlstand unterstützt das individelle Verlangen nach Freiheit und Mitbestimmung.

    Herr Stock, vielleicht sind Sie wie ein schlechter Vater, der immer nur meckert, statt auf die vorhandenden Fehler der sich Entwickelnden (Kinder/Russland) Rücksicht zu nehmen und freundlich und beharrlich als Vorbild zu erziehen.

    Lesen Sie (noch)mal die Rede von Putin vor dem Bundestag im Jahr 2001. Er hat uns damals die Hand ausgestreckt, wahrscheinlich sogar ehrlicherweise. Wir haben sie ausgeschlagen, weil wir nur das perfekt Gute akzeptieren. Wie haben die Medien über die Olympiade in Sotschi gemeckert! Unser Bundespräsident hat die Spiele sogar boykottiert, Kalter Krieg eben.

    War das schlau? Was haben wir erreicht? Das Gegenteil von dem was wir wollten.

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