Kommentar
Generation Gulfstream

Es scheint das Schicksal von Daimler-Chrysler zu sein, Vorstandschefs mit gewaltigen Visionen ertragen zu müssen.

Als der Konzern noch Daimler-Benz hieß, war es Edzard Reuter, der den Autobauer zum integrierten Technologiekonzern formte. Jürgen Schrempp brachte Daimler zum Fahrzeugbau zurück, verordnete dem vorwiegend auf Europa konzentrierten Konzern aber weltweite Präsenz und den Einstieg in den Massenmarkt.

Gescheitert sind beide, wobei unerheblich ist, ob bereits die wohlklingende Idee verfehlt war oder aber der Vorstand erst bei ihrer Umsetzung versagte. Reuters’ Politik vernichtete sechs Milliarden Euro an Aktionärsvermögen, Schrempps Strategie der Welt-AG kostete die Anteilseigner seit seiner Ankündigung der Fusion mit Chrysler rund 18 Milliarden Euro. Es sind schon Vorstandschefs für geringere Verluste aus dem Amt gedrängt worden. Auch wenn Schrempp seinen Abgang selbst geplant haben sollte: Die dürre Mitteilung des Aufsichtsrats über Schrempps Amtsaufgabe zeigt kaum verhüllt die Dissonanzen zwischen ihm und seinen Aufsehern.

Dass er überhaupt so lange Deutschlands größten Konzern führen konnte und sein Vertrag sogar noch vorzeitig und ohne Not verlängert wurde, belegt ein Kontrolldefizit. Schrempps Rückzug wäre spätestens vor gut einem Jahr fällig gewesen, als für alle offensichtlich wurde, wie desaströs das Engagement bei Mitsubishi ausfiel. Jede weitere Zahl, die seitdem aus Japan gemeldet wird, bestätigt seine damaligen Kritiker.

Mit dem Abgang Schrempps wird ein weiterer Stein vom Haus der Deutschland AG abgetragen – zumal auch die Stellung von Schrempps damaligen Verteidigern, allen voran Aufsichtsratschef Hilmar Kopper von der Deutschen Bank und Betriebsratschef Erich Klemm, geschwächt ist. Die euphorische Kursreaktion erleichtert es der Deutschen Bank zudem, sich von ihrer letzten großen industriellen Kapitalbeteiligung zu trennen, was das Institut gestern überraschend schnell nutzte. Ihr Aktienpaket war gestern innerhalb von Minuten rund 400 Millionen Euro wertvoller geworden.

Mit der Ernennung von Dieter Zetsche zum neuen Daimler-Chef ist der Generationenwechsel bei Deutschlands Großkonzernen im Wesentlichen vollzogen. Der Generation Gulfstream folgt nun die Generation Business-Class: Offen, pragmatisch, uneitel und erfolgsorientiert führen nun die Rickes, Kleinfelds und Diekmanns deutsche Top-Adressen wie die Telekom, Siemens oder die Allianz und bügeln dabei strategische Fehler ihrer Vorgänger aus.

Das blüht nun auch Zetsche bei Daimler: Wie bei seinem Amtsantritt bei Chrysler muss er zunächst sanieren, bevor er ans Gestalten gehen kann. Anders als bei seinem Vorgänger Schrempp muss der Aufsichtsrat dieses Mal aber besser darüber wachen, dass der neue Chef nicht abhebt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%