Kommentar: Gescheiterte Expansion

Kommentar
Gescheiterte Expansion

Für das Verlagshaus Springer und dessen Chef Mathias Döpfner ist gestern ein Traum geplatzt – der Traum vom voll integrierten Medienkonzern. Es wird nichts aus der Übernahme der Senderkette Pro Sieben Sat 1. Springer beugt sich dem Verdikt der Wettbewerbshüter zähneknirschend.

Das Kartellamt und die Medienkommission KEK hatten den Zusammenschluss untersagt, da eine Verbindung zwischen dem „Bild“-Imperium und einem dominierenden TV-Konzern angeblich eine übergroße Konzentration der wirtschaftlichen und der publizistischen Macht in Deutschland verursacht hätte.

Häme gegenüber Springer ist nicht angebracht. Denn das Unternehmen stolpert über ein unzeitgemäßes Kartellrecht, das immer häufiger wirtschaftlich notwendigen Prozessen im Wege steht, weil es mit überholten Kriterien und Marktabgrenzungen hantiert. Die Printmedien sind wie das werbefinanzierte Fernsehen inzwischen reife Branchen, die nicht nur untereinander im harten Wettbewerb stehen, sondern auch gegen neue elektronische Anbieter im Internet wie Google antreten müssen. Darüber hinaus sind die TV-Werbeeinnahmen seit vier Jahren auf Talfahrt.

In den reifen Sektoren einer Volkswirtschaft müssen die Unternehmen die Möglichkeit bekommen, näher zusammenzurücken. Beispiele gibt es zuhauf: Stahl, Kohle, Hausgeräte, Mineralöl – überall haben Fusionen zur Konzentration der Anbieter ohne schädliche Folgen geführt. Der wirtschaftlichen Logik sollten die Wettbewerbshüter Rechnung tragen.

Wer die grundsätzliche Schwäche des Kartellrechts kritisiert, sagt damit aber noch lange nicht, dass für Springer dieser konkrete Kauf der Senderfamilie sinnvoll gewesen wäre. Die Makroebene geht nicht zwangsläufig Hand in Hand mit der Mikroebene. Für Springer wäre der Einstieg ins Fernsehgeschäft sehr gefährlich gewesen: Zu gering sind die Synergien, zu hoch war der Preis. Das Unternehmen hätte sich stark verschuldet für eine Investition mit ungewisser Rendite. Paradoxerweise könnte noch der Moment kommen, an dem die Mehrheitseigentümerin Friede Springer dem Kartellamt dafür danken wird, aus anfechtbaren Gründen einen Deal mit zweifelhaften Erfolgschancen vereitelt zu haben.

Vorstandschef Döpfner sollte froh sein, seine Pläne gesichtswahrend beerdigen zu können. Nota bene: Hätte Springer wirklich die Operation durchpeitschen wollen, wäre es logisch gewesen, eine Ministererlaubnis durch den CSU-Mann Michael Glos zu beantragen. Die große Koalition freut sich, dass dieser Kelch an ihr vorübergeht. Für SPD und Union wäre es eine Zerreißprobe geworden.

Muss nun beklagt werden, dass für Pro Sieben Sat 1 keine deutsche Lösung gefunden worden ist? Keineswegs. Die Senderkette befindet sich doch bereits in den Händen amerikanischer Investoren. Dem wirtschaftlichen Erfolg hat dies nicht geschadet – im Gegenteil. Wir sollten endlich die unsinnige Diskussion über die nationalen Interessen in der Unternehmenslandschaft beenden und uns freuen, wenn Geld nach Deutschland fließt. Es wäre kein Beinbruch, wenn Pro Sieben Sat 1 an einen ausländischen Käufer ginge. Und Springer wird es nicht schaden, nun nach Chancen im Ausland Ausschau zu halten.

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