Kommentar
Gewollte Unmündigkeit

Eine neue Welle der Erregung über einen Lebensmittelskandal schwappt durchs Land. Keine Frage: Kriminellen Elementen, die Gammelfleisch auf den Markt bringen, muss man mit staatlichen Kontrollen das Handwerk legen. Der Zehn-Punkte-Plan von Verbraucherminister Horst Seehofer enthält in dieser Hinsicht viele vernünftige Ansätze.

Doch die Debatte über Ursachen und Konsequenzen des Skandals hat eine bedenkliche Schlagseite: Der Verbraucher erscheint in vielen Stellungnahmen wie ein Geschöpf, das in fast kindlicher Hilflosigkeit Risiken ausgesetzt ist, die mit eigenem Verhalten nichts zu tun haben. Die Verantwortung dafür, dass wir uns in Ruhe dem Genuss hingeben können, wird beim Staat abgeladen.

Schon schüchterne Hinweise darauf, dass die Qualität von Lebensmitteln auch etwas damit zu tun, wie viel Geld man für sie aufwendet, werden empört zurückgewiesen: Man wird ja wohl noch erwarten dürfen, dass auch billige Lebensmittel essbar sind!

Das darf man in der Tat. Aber damit ist noch nicht die Frage beantwortet, was das seit Jahren laufende Rattenrennen von Billigpreisen und abnehmender Qualität ausgelöst hat. Gibt es zwischen dem schon manischen Zwang der Deutschen, an Lebensmitteln zu sparen, und fragwürdigen Praktiken, die nicht erst bei offener Kriminalität beginnen, wirklich keinen Zusammenhang?

Die Hand des Verbrauchers entscheidet darüber, was nachgefragt wird. Und indirekt bestimmt sie damit auch, was und wie produziert wird. Geht der Griff zum Billigfleisch, sind die Konsequenzen vorgezeichnet: Die Erzeuger reagieren auf den Preisdruck, indem sie an der Tierernährung sparen. Diese Spirale hat uns vor nicht allzu langer Zeit den Tiermehl- und BSE-Skandal beschert.

Leider ist es das Verhalten vieler Bundesbürger selbst, das am Konzept des „mündigen Verbrauchers“ zweifeln lässt. Allzu viele Zeitgenossen verhalten sich wie Unmündige, und das längst nicht nur beim Einkaufen: Sie essen Junk-Food und beschweren sich bei McDonald’s, weil ihre Kinder zu dick werden. Sie bezahlen für ihr Kotelett weniger als für eine Busfahrkarte. Aber dass solches Fleisch ausschließlich von Tieren stammen kann, die nur noch als Verwertungsmaschinen für Industrieabfälle im Stall stehen, geht sie nichts an. Sie rauchen, trinken und scheren sich auch sonst wenig um gesundes Leben, aber die Krankenkassen und Ulla Schmidt sollen dafür sorgen, dass die Beiträge stabil bleiben.

Kurioserweise hält ein Teil der öffentlichen Meinung es für unzulässig, auf diesen Widersinn hinzuweisen: Da würden Staat und Wirtschaft aus ihrer Verantwortung entlassen. Das klingt forsch, ist aber nichts anders als ein Rückfall in den Obskurantismus. Vorsorgender Verbraucherschutz beinhaltet, mögliche Gefahren für Gesundheit und Sicherheit der Bürger zu vermeiden. Güte- und Qualitätssiegel für alle erdenklichen Produkte machen es jedem Bürger heute leichter denn je, sich selbst beim Kauf zu schützen.

Der Staat trägt aber nicht die Verantwortung dafür, Marktergebnisse zu korrigieren, die auf der Entscheidung des selbstbestimmt handelnden Konsumenten beruhen. Auch dann nicht, wenn Verbraucher sich in selbstverschuldeter Unmündigkeit einrichten.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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