Kommentar
Giftiges Wachstum

China drängt mit Macht in die erste Liga der Weltwirtschaft. Die Herausforderungen der Globalisierung nimmt Peking offen an, offener als manche Politiker in den USA oder Europa. China als Weltraumnation, China als Motor der Konjunktur, China als aufstrebendes Mekka der Hochtechnologie: Seht her, lautet die griffige Botschaft, aus Maos verkrusteter Planwirtschaft wird im Eiltempo eine moderne Marktwirtschaft.

Nicht ausgeschlossen, doch die Realität sieht bislang nicht so attraktiv aus. Unter dem Mantel des beeindruckenden Wachstums kann China die verheerende Umweltverschmutzung nicht mehr verbergen. Es hätte gar nicht einmal eines so spektakulären Unfalls wie in der Provinz Jilin bedurft, wo jetzt Benzol tonnenweise den zur Trinkwassergewinnung wichtigen Songhua-Fluss verseucht hat, um die Auswüchse des Booms zu erkennen. Giftige Fabrikanlagen leiten ihren Dreck überall in China ungeklärt in Flüsse und Seen. Veraltete Kohlekraftwerke, marode Chemiekombinate, Fabriken ohne Filteranlagen, nicht eingehaltene Arbeitsvorschriften, fehlende Sicherheit in Bergwerken: China provoziert geradezu Katastrophen, die Tausende von Opfern fordern.

Die Verpestung von Luft und Wasser kostet China jedes Jahr Milliardenbeträge. Ganz Hongkong versinkt zeitweise unter einer toxischen Wolke aus Südchina. Mehr als 400 000 Menschen sterben in China jährlich allein an den Folgen der Luftverschmutzung. Und Wasser ist inzwischen zu einem raren Gut geworden. Zu kostbar, um es fahrlässig zu vergiften.

Der Einzug der Marktwirtschaft hat in China zerrissen, was an dürftigen Sicherungsnetzen bestand. Aber die neuen Regeln setzt die Führung nicht gegen die Auswüchse des Manchester-Kapitalismus durch. So verhindert eine weit verbreitete Korruption die Einhaltung der Umweltgesetze. Diese lesen sich auf dem Papier zwar recht gut. Aber eine Hand voll Yuan genügt, um die von Sicherheitsinspektoren geschlossenen Fabriken illegal weiterbetreiben zu können. In China ist der Faktor Arbeit noch eine Quantité négligeable.

Das muss sich ändern, denn es passt ebenso wenig zu einer modernen Marktwirtschaft wie die Geheimnistuerei der Regierung. Informationen über Unfälle, Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte filtern die Behörden akribischer als Abwässer. Chinas Führung weiß zwar um den sozialen und wirtschaftlichen Sprengstoff, der sich da ansammelt, doch sie handelt nicht konsequent.

Ein global verträgliches, nachhaltiges Wachstum wird China auf Dauer nur erzeugen können, wenn der ungezügelte Boom nicht zugleich Milliardenschäden erzeugt. Wachstum und Stabilität im Land hängen entscheidend davon ab, wie verantwortungsvoll die Regierung mit Umwelt- und Arbeitsschutz umgeht und ob sie die Unternehmen zwingt, das brisante Thema ernst zu nehmen.

Chinas Dreckschleudern können der Weltgemeinschaft nicht gleichgültig sein. Nicht nur, weil das Benzol im Songhua-Fluss sich nach Russland wälzt. Setzt China den alten Kurs fort, entwickelt es sich zu einer globalen ökologischen Belastung. Es reicht daher nicht mehr aus, sich auf Umweltkonferenzen einen Öko-Anstrich zu geben. Peking muss in den Umweltschutz investieren – und zwar massiv.

rabe@handelsblatt.com

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