Kommentar
Gorbatschows Vermächtnis

Am 11. März 1985 begann ein welthistorischer Prozess, der noch keineswegs zu seinem Ende gekommen ist: der Zerfall der letzten Imperien.

Als Michail Gorbatschow vor genau 20 Jahren sein Amt als Generalsekretär der KPdSU antrat, wollte er die Sowjetunion mit Glasnost und Perestroika reanimieren. In die Geschichte geht er jedoch ganz anders ein: als unfreiwilliger Totengräber der Sowjetunion, als unfreiwilliger Befreier Osteuropas, als unfreiwilliger Geburtshelfer der deutschen Einheit.

Obwohl der letzte Sowjetführer also den Gang der Weltgeschichte wie kaum ein anderer im 20. Jahrhundert veränderte, fehlt ihm nach der berühmten Definition des Geschichtsphilosophen Jacob Burckhardt doch das entscheidende Attribut historischer Größe: Gorbatschow beendete eine Epoche, statt eine neue zu begründen. Die Staats- und Parteiführer Chinas zogen aus dem Zerfall der Sowjetunion deshalb die Lehre, sich bei aller wirtschaftlichen Reformbereitschaft auf keine politische Liberalisierung einzulassen. Von den Freiheiten der ersten Gorbatschow-Jahre können die Chinesen bis heute nur träumen.

Die westliche Politik geht überwiegend davon aus, dass sich die Chinesen mit ihrer Parteidiktatur dauerhaft arrangieren, solange sich ihre materielle Lage weiter in raschem Tempo verbessert. Als kommunistisches Imperium nehmen wir China kaum noch wahr. Dabei finden sich auch im Reich der Mitte all die imperialen Entwicklungsblockaden, die von der berühmten französischen Sowjetologin Hélène Carrière d’Encausse einst beschrieben wurden: wachsender Widerspruch zwischen Zentrum und Peripherie, brutale Unterdrückung der nationalen Minderheiten, Gewaltpolitik gegen alle Unabhängigkeitsbestrebungen am Rand des Riesenreichs (Taiwan!).

Das Paradoxon dabei: Was wir im Westen eilfertig vergessen, verdrängen die Machthaber in Peking keineswegs. Sie wissen, auf welchem explosivem Gemisch sie sitzen. Deshalb sind sie zusammen mit ihren Genossen in Pjöngjang, Havanna und Hanoi die Letzten auf der Welt, die Gorbatschow bis heute fürchten.

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