Kommentar
Greenspans Balanceakt

In den USA beginnt eine neue Phase der Geldpolitik. Nach jahrelanger Niedrigzinspolitik vollzieht Alan Greenspan, Chef der Federal Reserve (Fed), die Kehrtwende. Greenspan steht vor einem Härtetest, dessen Ausgang die Bewertung seiner Ära als Fed-Chef prägen wird.

Wie kein anderer Zentralbanker versucht Greenspan, das US-Wirtschaftswachstum zu fördern, ohne das Ziel der Preisstabilität aus dem Auge zu verlieren. Seit Jahren gelingt ihm dieser Spagat, den manche Vertreter der Europäischen Zentralbank auf Dauer für unmöglich halten.

Doch erst die jetzt beginnende Zinserhöhungsphase wird zeigen, ob Greenspan tatsächlich die (neo-)klassische Lehre widerlegt. Danach scheitert jede makroökonomische Feinsteuerung an der zeitverzögerten und unsicheren Wirkung der Geldpolitik. Greenspan hatte die US-Leitzinsen auf den tiefsten Stand seit 1958 gedrückt und dazu beigetragen, dass die US-Wirtschaft sich nach dem Platzen der Spekulationsblase und dem elften September 2001 schnell erholte. Doch die Politik des billigen Geldes hat Inflationsdruck erzeugt. Greenspan muss die Zügel anziehen – aber nicht so straff, dass er den Konjunkturaufschwung abwürgt.

Die Gefahr eines Scheiterns ist beträchtlich. Zwar erwarten Volkswirte für die nächsten zwölf Monate ein kräftiges US-Wirtschaftswachstum von 4,5 bis fünf Prozent. Doch ihr Optimismus erinnert an die Jahreswende 1999/2000, als Wachstum in alle Ewigkeit erwartet wurde. Zudem wirft die Konjunkturprognose zwei Probleme auf: Stimmt sie, dann droht eine Überhitzung der Konjunktur, Greenspan müsste viel aggressiver handeln.

Umgekehrt weiß niemand, wie die hoch verschuldeten Amerikaner und der kreditabhängige US-Immobilienmarkt auf steigende Zinsen reagieren. Gut möglich, dass nur geringfügig höhere Hypothekenzinsen die Hauspreise und damit die US-Konjunktur nach unten ziehen. Dann müsste Greenspan den Zinsanstieg bremsen oder gar stoppen.

Vor dem Fed-Chef liegt ein gefährlicher Balanceakt zwischen zu langsamem und zu schnellem Voranschreiten. Von Greenspans Gleichgewichtssinn hängt nicht nur die Entwicklung der US-Konjunktur ab, sondern die der gesamten Weltwirtschaft.

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