Kommentar
Grenzen der Sparsamkeit

Zahlreiche deutsche Unternehmen haben ihre Kosten durch Umstrukturierungen und Personalabbau, durch Reduzierung der freiwilligen Leistungen und längere Arbeitszeiten für die Mitarbeiter gesenkt. Das war hart, aber richtig. Doch nach rund vier Jahren des Gesundschrumpfens hat die Sparsamkeit ihre Grenzen erreicht.

So viel Sparen war nie. Karstadt, Opel, Mercedes, Siemens: deutsche Unternehmen haben ihre Kosten durch Umstrukturierungen und Personalabbau, durch Reduzierung der freiwilligen Leistungen und längere Arbeitszeiten für die Mitarbeiter gesenkt. Das war hart, aber richtig. Inzwischen hat das Gros der deutschen Unternehmen seine Hausaufgaben gemacht und fährt wieder gute Gewinne ein.

Doch nach rund vier Jahren des Gesundschrumpfens hat die Sparsamkeit ihre Grenzen erreicht. Denn erstens sind die Kostensenkungspotenziale in vielen Unternehmen bereits arg geschrumpft – die fünfte Sparrunde bringt weniger als die erste. Und zweitens sind gesunde Kostenstrukturen lediglich eine notwendige, keinesfalls aber eine hinreichende Bedingung für Aufschwung und Wachstum. Gesundsparen funktioniert immer nur für kurze Zeit; auf lange Sicht ist es keine Strategie.

Was Not tut für 2005 – und dies haben viele Unternehmenslenker in den Jahren der Enthaltsamkeit aus den Augen verloren –, sind Innovationen und Investitionen. Mit ihren Kostenstrukturen sind deutsche Unternehmen ihren mittel- und osteuropäischen Konkurrenten sowieso unterlegen. Da sie also nicht billiger sein können, müssen sie besser sein. Dazu freilich braucht es Mut: Ohne Mut keine neue Ideen, ohne neue Ideen keine neuen Produkte, ohne neue Produkte keine neuen Gewinne. Und hier herrscht Nachholbedarf in Deutschland. Denn es sind ja nicht nur die konsumverweigernden Verbraucher, die für schwache Inlandsnachfrage verantwortlich sind, sondern auch die Unternehmen, die sich bereits über Jahre mit Investitionen zurückhalten – sei es aus Sparsamkeit, Risikoscheu oder Ideenarmut.

Ohnehin arbeiten gute Unternehmen nie eindimensional. Sie haben nie nur die Kosten oder die Wachstumspotenziale im Blick. Der kluge Unternehmer achtet im Aufschwung auf die Kosten und investiert mitten hinein in die Kürzungsphase. Wenn Gewerkschaften Firmenchefs als „Trittbrettfahrer“ attackieren, die im Zuge der Auseinandersetzungen bei Opel oder Karstadt ohne vermeintlich akute eigene Not auf die Kostenbremse treten, haben sie nichts verstanden. Denn das Geheimnis guter Unternehmen ist, dass sie in aller Regel um harte Sanierungsschnitte herumkommen, weil sie vorgesorgt haben. Solche antizyklischen Entscheidungen erfordern freilich ein größeres Maß an Leadership gegenüber Mitarbeitern und Aktionären. Wer nur nach telegenen Nachtsitzungen im öffentlichen Showdown den Arbeitnehmervertretern Zugeständnisse abringen kann, hat in den Jahren zuvor versagt.

Was für die Unternehmen richtig ist, gilt im größeren Stil auch für die Politik. Im Unterschied zu den Unternehmen hat die Bundesregierung allerdings erst einen Teil ihrer Hausaufgaben gemacht. Vor allem hat sie nach Jahren der Sparversprechen – und immer weiteren Verstößen gegen den EU-Stabilitätspakt – die Hände immer noch nicht frei für dringend benötigte Investitionen etwa in Forschung und Bildung. Denn auch für das ganze Land gilt: Sparen allein macht nicht selig.

Das Problem jedoch ist: Die Kürzungen der Bundesregierung waren, auch durch die Blockade der Opposition, in der Vergangenheit nicht weitgehend genug, um heute einen ausreichenden Gestaltungsspielraum zu gewinnen. Insofern bleibt das Dilemma für die Regierung bestehen: Sie darf nur Geld ausgeben, das sie zuvor an anderer Stelle eingespart hat.

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