Kommentar
Großbritannien vor der „Rein oder raus“-Frage

Die Krise im Euro-Raum hat in Großbritannien die Reihen der Euro-Skeptiker permanent erweitert. Die Forderungen nach einem EU-Referendum werden immer lauter. Und es wird kommen - die Frage ist nur wann.
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In den Hauptstädten der Euro-Länder werden die Briten nur noch als irritierendes Moment empfunden. Statt in die Tasche zu greifen, gehen sie mit Belehrungen auf die Nerven. Aber auch andersherum wächst die Irritation. Jedes Mal, wenn die Bundeskanzlerin von „Politischer Union" als einziger Lösung der Krise spricht, rückt das britische EU-Austrittsreferendum näher. Die Rufe nach mehr politischer Integration bestätigen, was britische Euro-Skeptiker immer wussten: Ein funktionsfähiger Euro ist mit ihren Begriffen von Souveränität und Selbstbestimmung unvereinbar.

Die Auswirkungen der Krise auf der Insel sind immens, wirtschaftlich und politisch. Premier Cameron und sein Schatzkanzler Osborne fordern die Euro-Zone auf, der „gnadenlosen Logik einer Währungsunion zu folgen“ und Schulden und Haushaltskontrolle zu vergemeinschaften. Aber sie tun es aus Angst und wissen gut, dass sie damit ihre eigene Europapolitik in die Enge treiben. Je erfolgreicher die Versuche, den Euro zu retten, desto weniger Raum bleibt für die Ambivalenz, die Großbritanniens Zugehörigkeit zu Europa charakterisiert und in Wahrheit ihre Grundbedingung ist.

„Teil von Europa, aber nicht regiert von Europa“, definierte Außenminister William Hague diese Haltung und beschrieb Großbritanniens gottgegebene Lage zwischen dem Kontinent und dem offenen Meer. Aus britischer Sicht steht das für Pragmatismus und politischen Realismus, auf dem Kontinent sieht man den Mangel an europäischer Solidarität. Die Briten, sagte man abschätzig, wollten ja nur von einer Freihandelszone profitieren. Nun wird es auf beiden Seiten eng. Die Euro-Krise hat alle Briten zu Euro-Skeptikern gemacht. Nie war die Forderung nach einem EU-Referendum so laut. Mit jedem neuen Euro Rettungsversuch rückt die „Rein oder raus“-Entscheidung näher.

80 Prozent der Briten fordern das Referendum, darunter die Anti-Europapartei UKIP, rechte Torys, auch Proeuropäer wie Ex-EU-Kommissar Lord Mandelson. Dieser würde lieber warten, bis sich der Euro stabilisiert hat und die Erfolgsaussichten weniger düster wären, aber 50 Prozent wollen sofort austreten, darunter immer mehr Tory-Parlamentarier, die sogar den Glauben an den gemeinsamen Markt aufgeben. Nun sehen sie nur noch eine Reguliermaschine, die britische Wirtschaftskraft bremst und der City an den Kragen will. Solche Euro-Skeptiker sehen ihr Land nicht mit einem blühenden Wirtschaftsraum verbunden, sondern „an eine Leiche gekettet“, wie der Tory-Euro-Gegner Douglas Carswell denkwürdig formulierte. Britische Euro-Skeptiker sind nicht protektionistische Nationalisten, sondern weltzugewandte Globalisierer, die ihr Land als „Schweiz mit Atomwaffen“ oder als Offshore-Handelszentrum à la Hongkong sehen.

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  • Was soll England im Euro ? Noch so eine Gurkentruppe? Schaut man sich die aktuellen Zahlen an, müsste auf der Insel bereits Griechisch gesprochen werden. Dies gilt natürlich auch für unsere Freunde in Übersee. Haushaltsdefizite im zweistelligen Bereich, aber hier den Lautsprecher geben. Komiker.

  • Letzlich stehn uns die ungeliebten britischen Vettern immer noch näher als die Französlinge.
    Nun leben die Briten aber seit Jahrhunderten ihre "splendid isolation" und die ist ihnen gut bekommen, mal abgesehen von der Masseneinwanderung wenig brauchbarer Asiaten.

    Am besten ist es, jedes europäische Volk kümmert sich um seinen Kram, regelt mit den direkten Nachbarn, was so zu regeln ist, und läßt die ansonsten in Frieden.

    Und das ist der Wunsch aller vernünftigen Menschen, nur Träumer wollen was mit Franzosen oder Italienern "gemeinsam" aufbauen.

  • Ich finde wir sollten England an die Amerikaner verschenken und dem Ami gleich noch mitteilen einzupacken und auf die Insel zu schippern.

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