Kommentar

Großbritannien vor der „Rein oder raus“-Frage

Die Krise im Euro-Raum hat in Großbritannien die Reihen der Euro-Skeptiker permanent erweitert. Die Forderungen nach einem EU-Referendum werden immer lauter. Und es wird kommen - die Frage ist nur wann.
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Der Autor ist Korrespondent in London. Quelle: Pablo Castagnola

Der Autor ist Korrespondent in London.

(Foto: Pablo Castagnola)

In den Hauptstädten der Euro-Länder werden die Briten nur noch als irritierendes Moment empfunden. Statt in die Tasche zu greifen, gehen sie mit Belehrungen auf die Nerven. Aber auch andersherum wächst die Irritation. Jedes Mal, wenn die Bundeskanzlerin von „Politischer Union" als einziger Lösung der Krise spricht, rückt das britische EU-Austrittsreferendum näher. Die Rufe nach mehr politischer Integration bestätigen, was britische Euro-Skeptiker immer wussten: Ein funktionsfähiger Euro ist mit ihren Begriffen von Souveränität und Selbstbestimmung unvereinbar.

Die Auswirkungen der Krise auf der Insel sind immens, wirtschaftlich und politisch. Premier Cameron und sein Schatzkanzler Osborne fordern die Euro-Zone auf, der „gnadenlosen Logik einer Währungsunion zu folgen“ und Schulden und Haushaltskontrolle zu vergemeinschaften. Aber sie tun es aus Angst und wissen gut, dass sie damit ihre eigene Europapolitik in die Enge treiben. Je erfolgreicher die Versuche, den Euro zu retten, desto weniger Raum bleibt für die Ambivalenz, die Großbritanniens Zugehörigkeit zu Europa charakterisiert und in Wahrheit ihre Grundbedingung ist.

„Teil von Europa, aber nicht regiert von Europa“, definierte Außenminister William Hague diese Haltung und beschrieb Großbritanniens gottgegebene Lage zwischen dem Kontinent und dem offenen Meer. Aus britischer Sicht steht das für Pragmatismus und politischen Realismus, auf dem Kontinent sieht man den Mangel an europäischer Solidarität. Die Briten, sagte man abschätzig, wollten ja nur von einer Freihandelszone profitieren. Nun wird es auf beiden Seiten eng. Die Euro-Krise hat alle Briten zu Euro-Skeptikern gemacht. Nie war die Forderung nach einem EU-Referendum so laut. Mit jedem neuen Euro Rettungsversuch rückt die „Rein oder raus“-Entscheidung näher.

80 Prozent der Briten fordern das Referendum, darunter die Anti-Europapartei UKIP, rechte Torys, auch Proeuropäer wie Ex-EU-Kommissar Lord Mandelson. Dieser würde lieber warten, bis sich der Euro stabilisiert hat und die Erfolgsaussichten weniger düster wären, aber 50 Prozent wollen sofort austreten, darunter immer mehr Tory-Parlamentarier, die sogar den Glauben an den gemeinsamen Markt aufgeben. Nun sehen sie nur noch eine Reguliermaschine, die britische Wirtschaftskraft bremst und der City an den Kragen will. Solche Euro-Skeptiker sehen ihr Land nicht mit einem blühenden Wirtschaftsraum verbunden, sondern „an eine Leiche gekettet“, wie der Tory-Euro-Gegner Douglas Carswell denkwürdig formulierte. Britische Euro-Skeptiker sind nicht protektionistische Nationalisten, sondern weltzugewandte Globalisierer, die ihr Land als „Schweiz mit Atomwaffen“ oder als Offshore-Handelszentrum à la Hongkong sehen.

Ein Wettlauf für die Briten
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9 Kommentare zu "Kommentar: Großbritannien vor der „Rein oder raus“-Frage"

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  • Was soll England im Euro ? Noch so eine Gurkentruppe? Schaut man sich die aktuellen Zahlen an, müsste auf der Insel bereits Griechisch gesprochen werden. Dies gilt natürlich auch für unsere Freunde in Übersee. Haushaltsdefizite im zweistelligen Bereich, aber hier den Lautsprecher geben. Komiker.

  • Letzlich stehn uns die ungeliebten britischen Vettern immer noch näher als die Französlinge.
    Nun leben die Briten aber seit Jahrhunderten ihre "splendid isolation" und die ist ihnen gut bekommen, mal abgesehen von der Masseneinwanderung wenig brauchbarer Asiaten.

    Am besten ist es, jedes europäische Volk kümmert sich um seinen Kram, regelt mit den direkten Nachbarn, was so zu regeln ist, und läßt die ansonsten in Frieden.

    Und das ist der Wunsch aller vernünftigen Menschen, nur Träumer wollen was mit Franzosen oder Italienern "gemeinsam" aufbauen.

  • Ich finde wir sollten England an die Amerikaner verschenken und dem Ami gleich noch mitteilen einzupacken und auf die Insel zu schippern.

  • guter artikle!
    UND: guter kommentar mit ein paar versteckten "deftigen" spitzen und sachlich korrekter darstellung.

  • Europa und Groß-Britannien passen weder politisch noch ökonomisch zusammen.

    Fast fünfhundert Jahre lang hatte GB nur ein außenpolitisches Ziel: die Verhinderung eines geeinten Europas! Solange die Versuche einer europäischen Einigung militärischer Natur waren, konnte GB diese Politik durch wechselnde militärische Interventionen verfolgen: 1568 bis 1648 mit den Niederländern gegen die Spanier, 1792 bis 1815 mit den Deutschen und Russen gegen die Franzosen, 1914 bis 1918 mit den Franzosen und Italienern gegen die Deutschen und 1939 bis 1945 mit den Franzosen gegen die Deutschen und die Italiener.
    Mit der Gründung der NATO zur Abwehr der Russen und der friedlichen Gründung der EU konnte die Politik der wechselnden militärischen Interventionen zur Zielerreichung nicht mehr aufrecht erhalten werden, diplomatisch hat man das Ziel aber nie aufgegeben!
    GB ist der EU 1973 nicht beigetreten um die Einheit Europas zu fördern, sondern um diese von innen heraus zu zerstören. Die Briten wollen kein politisch geeintes und handlungsfähiges Europa, weil dies zu einer Reduzierung der (eingebildeten) macht des "Empire" führen würde. Die Kontinentaleuropäer wünschen sich ein politisch geeintes und handlungsfähiges Europa, um ihrer eigenen weltpolitischen Impotenz zu entkommen. Beide Positionen sind miteinander unvereinbar!

    Auch stehen zwischen den wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten auf der Insel und dem Kontinent ganze Welten. Während GB seine industrielle Basis zunächst durch eine verfehlte Politik ruiniert und dann im Privatisierungswahn liquidiert hat, bestehen auf dem Kontinent bis heute Industriestaaten. Das etatistische Frankreich steht heute besser da, als das marktliberale GB.
    Insofern wäre es nur Konsequent, wenn die Briten endlich die EU verließen und sich ihresgleichen anschlössen, z.B. an Griechenland oder die USA. Als neues "Puerto Rico" mit Atomwaffen, könnten sie sich vielleicht sogar zum 51sten Bundesstaat der USA bringen: There is still hope!

  • Ich bete täglich für den "Great Escape" für Britannien und Deutschland aus der EU. :)

  • Sehr geehrter Herr Thibaut, Ihren Beitrag verstehe ich nun so, dass die Briten ziemlich ziellos wirken. Die Absichten eine neue europäische Politik gestalten zu können, hängt doch von vielen sehr spekulativen Wenns ab, dass ich die britische Europapolitik für doch etwas weltfremd erachte.

    So unwahrscheinlich wie es ist, dass der Euro aufgegeben wird, so unwahrscheinlich ist es derzeit auch, dass England dem EURO beitritt. Dies dürfte mit einem weiteren Verfall der Wirtschaft in England auch faktisch nicht mehr möglich sein.

    Die Engländer führten in Europa wie seit jeher eine Politik des divide et impera. Allerdings scheinen die Briten noch nicht gemerkt zu haben, dass sie längst nicht mehr in Europa politisch vorherrschen.

    Die Kopflastigkeit der englischen Bankwirtschaft zum produzierenden Gewerbe in England ist extrem ungünstig. Die Nettoverbindlichkeiten der englischen Banken zum britischen BIP sind so hoch, dass man sagen kann, dass die Briten mit ihren britischen Banken auf einer tickenden Zeitbombe sitzen.

    Es hilft nichts, wenn sie auf den Euro schimpfen, weil es für das Handling dieses Bankenrisikos in Engaland nicht von ausschlaggebender Bedeutung sein kann, ob der Euro nun exitsiert oder nicht.

    Tick, tick, tick... Aber vielleicht geben die Engländer einfach mal wieder etwas interessantere Produkte in den Markt, lernen wieder Fremdsprachen und sind in der Zusammenarbeit auf dem Festland einfach mal wieder etwas freundlicher.

    Und ansonsten bleibt den Briten nur noch folgendes zu sagen: Entschuldigt bitte, dass wir auch eine Krise haben. Wie konnten wir dabei nur vergessen, dass es den Engländern dann auch schlecht geht?! Bei der nächsten Krise sind die Engländer dann aber vielleicht aus der EU ausgetreten und die Krise findet deshalb dann ohne England statt :-)

  • British media arrogance is not another addition Europe needs. If you ever read the Economist, you know that Britain is not part of Europe, it's not even its own continent, it's a god-given Britain. It's economy is in deep trouble and fortunately they didn't adopt the Euro, it would now be long gone.

  • Tja, was soll man sich da wünschen? Einerseits wäre GB mit seiner liberalen Tradition ein wichtiges Gegenwicht zum französischen Etatismus und zu südeuropäischen Transferforderungen. Andererseits hat Cameron bewiesen, dass er lieber für das heimische Publikum eine Show abliefert, als konstruktiv mitzuarbeiten. Der Höhepunkt waren dann ultimative Forderungen an Deutschland, doch bitte sofort via Generalhaftung den Euro zu retten - nur GB würde natürlich keinen Cent dazu beitragen und keinerlei Souveränitätsverlust akzeptieren. Angesichts einer solchen Mischung aus Egoismus und Obstruktion wäre ein Austritt nicht wirklich ein fataler Verlust, oder? (Wie dabei die City als reines Offshore-Finanzzentrum ihre heutige Macht behalten will bleibt freilich etwas rätselhaft.)

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