Kommentar
Grüne Rhetorik, graue Realität?

Hohe Ziele, kaum Einsatz: Obama wird häufig für seine kaum existierende Klimapolitik angegriffen. Nun liegt der Klimakiller Kohlendioxid in den USA so niedrig wie noch nie. Alles gut also? Das stimmt in diesem Fall nicht.
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Grüne Rhetorik, graue Realität. USA verschließen die Augen vor Klimaschutz. Die USA am Klimaschutz-Pranger". Die Aufzählung der Schlagzeilen deutscher Medienberichte ließe sich noch fortsetzen. Der Tenor ist immer der gleiche: Amerika tut nichts gegen die globale Erwärmung. Allerdings passt das nicht mit den Fakten zusammen. Der Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid fiel in den USA so niedrig aus wie seit 20 Jahren nicht mehr. Wie kann das sein? Der vermeintlich grüne Präsident Barack Obama unternahm in seiner Amtszeit nur wenig gegen den Klimawandel. Sein Widersacher Mitt Romney machte sich kürzlich auf dem republikanischen Parteitag über das Thema lustig. Was die Politik nicht anpackt, erledigen die Unternehmen.

Dabei haben sie zwar das Geschäft im Sinn, aber das dürfte Klimaschützern egal sein. Die fallenden CO 2 -Emissionen sind einem historischen Wandel in der US-Stromproduktion zu verdanken. Kohle wird von Erdgas abgelöst, das nur halb so viel CO 2 abgibt. Seit Menschengedenken werden Kraftwerke vor allem mit Kohle befeuert. Der Abbau des Brennmaterials veränderte ganze Landstriche in Amerika. In seinem Roman "Freiheit" beschreibt der US-Bestsellerautor Jonathan Franzen die grotesken Auswirkungen. So tragen Unternehmen auf ihrer Suche nach Kohle auch gern mal ganze Bergspitzen ab. Doch Amerika verabschiedet sich von der Kohle. Im Jahr 2000 produzierten US-Kraftwerke mit ihr noch mehr als die Hälfte der gesamten Elektrizität.

Vor wenigen Wochen kam der geschichtsträchtige Moment: Erstmals erzeugten die USA nach Zahlen der US-Energiebehörde EIA fast genauso viel Strom mit Erdgas wie mit Kohle - deren Anteil nur noch bei 34 Prozent liegt. Selbst das Aufkommen der Atomkraftwerke in den siebziger Jahren löste nicht solch einen Wandel aus. Um sich das riesige Ausmaß plastisch vor Augen zu führen, hier ein paar Zahlen: Jeder Prozentpunkt in dem US-Energiemix steht für ungefähr 40 Millionen Megawatt.

Alle Solaranlagen in den USA produzierten nach den neusten Angaben 2010 nur 1,3 Millionen Megawatt. Hinter dem Wandel stecken umtriebige Unternehmen. Deren Ingenieure steigerten die Effizienz von Gasturbinen. Erst vor wenigen Monaten eröffnete Siemens in Charlotte ein neues Werk, die Geschäfte gehen auch bei General Electric glänzend. Auch haben Energiegesellschaften das Leitungsnetz für Erdgas stark ausgebaut, was den Bau von erdgasbetriebenen Kraftwerken ermöglicht. Der größte Faktor aber ist der Fall der Erdgaspreise. Neue Bohrtechniken ermöglichen den Abbau von Schiefergas. Das Gestein brechen Gesellschaften wie Chesapeake oder Devon Energy mit hydraulischem Druck auf, durch das sogenannte Fracking.

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Klimaschutz ja, Umweltpolitik nein?

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  • Durch das FRACKING haben die Amerikaner zwar immer mehr preiswerteres Gas, aber immer teuer werdendes Trinkwasser!
    Was ist für alle Leben wichtiger? Preiswerte Energie oder sauberes, preiswertes Trinkwasser?

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