Kommentar
Grüne-Urwahl fordert ein großes Opfer

Die Grünen klopfen sich für ihre Mitgliederbefragung auf die Schulter. Dabei wird die Suche nach einem Spitzenduo das Machtgefüge der Partei verschieben – und mindestens eine grüne Ikone beschädigen.
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DüsseldorfIn Berlin erreicht eine bundespolitische Premiere am Samstag um 10 Uhr ihren Höhepunkt: Dann verkünden die Grünen das Ergebnis ihrer Urwahl-Abstimmung. Noch nie hat eine deutsche Partei ihre Mitglieder entscheiden lassen, welche Köpfe sie in die Bundestagswahl führen sollen. Entgegen der häufig kritisierten Hinterzimmerklüngelei ist die grüne Urwahl ein starkes basisdemokratisches Signal. Zurecht klopfen sich die Beteiligten dafür auf die Schulter und überspielen die Gefahr, die dieser Abstimmung innewohnt. Denn während die Politik gewinnt, wird es einen großen Verlierer geben: Es dürfte Claudia Roth oder Renate Künast treffen.

Gemessen an der Wahlbeteiligung von fast 62 Prozent ist die Urwahl schon jetzt ein Erfolg: 59.266 Mitglieder wurden zur Urwahl aufgerufen. 36.533 Grüne sind diesem Aufruf gefolgt. Und die Grünen in den Ländern freut es, gefragt zu werden. So twittert an diesem Freitag beispielsweise David Vaulont, Jahrgang 1988, aus Freiburg: „Das ist Basisdemokratie! Super Wahlbeteiligung: 61,64% unserer Mitglieder haben bei der #Urwahl mitgemacht! Toller Laden!“ Positiver Nebeneffekt: Die Motivation von Aktivisten wie Vaulont, im Bundestagwahlkampf auf den Straßen dieser Republik für die eignen Spitzenkandidaten zu werben, wird umso größer sein, wenn sie zuvor selbst bestimmen durften, welche Köpfe von den Plakaten lächeln.

15 Kandidaten haben sich in den vergangenen Monaten um das Amt des Spitzenkandidaten beworben. Tatsächliche Chancen auf einen der beiden Plätze können aber nur den vier Spitzenpolitikern eingeräumt werden: den beiden Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin und Renate Künast, der Parteichefin Claudia Roth und Bundestagsvize-Präsidentin Katrin Göring-Eckhardt.

Claudia Roths Verdienst ist es, dass es überhaupt zu der Urwahl-Premiere gekommen ist. Ihr Aufschrei nach Trittins Vorpreschen und der anschließende Protest der Realos, die sich nicht von zwei Spitzenkandidaten aus dem linken Lager führen lassen wollten, machte die Befragung der Basis notwendig. Natürlich loben nun alle Beteiligten die Idee, doch insbesondere Roth und Künast machen dabei gute Miene zum bösen Spiel. Denn Trittin scheint gesetzt und an seiner Seite ist nur Platz für eine Frau.

Das bedeutet, dass die Urwahl die parteiinternen Machtkämpfe massiv befeuert. Definitiv wird die Abstimmung das Machtgefüge der Grünen verschieben, mindestens eine grüne Ikone wird beschädigt sein. Entweder Renate Künast, die lange gebraucht hat, um sich von der Pleite bei der Landtagswahl 2011 in Berlin zu erholen. Eine weitere Wahlniederlage würde ihre Position weiter schwächen. Gleiches gilt für Claudia Roth. Scheitert sie bei der Urwahl, wäre das ein erheblicher Rückschlag auch für ihre Karriereplanung. Schließlich will sie sich ohne diesen Makel auf dem Parteitag in der kommenden Woche erneut zur Bundesvorsitzenden wählen lassen.

Basisdemokratie hin, Basisdemokratie her: Letztlich geht es bei dieser Urwahl auch um die Zukunft zweier grüner Persönlichkeiten.

 

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  • Die zwei abgewatschten Frontfrauen (Künast und Roth) sind
    viel zu machtgeil um den Büttel hinzuschmeissen. Außerdem wird die Bandbreite der Grünen größer. Kein Profil mehr aber dafür langweilig. Der Peer redet und die Claudia klammert. De passt scho.

  • Hexen Chor:

    Der Weg ist breit, der Weg ist lang.
    Was ist das für ein toller Drang!
    Die Gabel sticht, der Besen kratzt,
    Das Kind erstickt, die Mutter platzt.

    Goethe, FaustI, Walpurgisnacht.

  • Die Grünen sind neben der CDU und SPD die noch größere Gefahr für di Demokratie.

    Antidemokratie ist Parteiprogramm.

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