Kommentar
Gut, dass Öl so teuer ist

Die massiv gestiegenen Ölpreise bereiten den Verbrauchern und vielen Unternehmen sorgen. Und doch sind sie auch ein gutes Zeichen: Sie künden von gestiegener Nachfrage, die Firmen drängen sie zu mehr Effizienz.
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„Oil is the new Greece“, titelte Chefvolkswirt Stephen King von der britischen Großbank HSBC seinen jüngsten Ausblick. Die Botschaft des Titels lautet: Der steigende Ölpreis droht die Konjunktur abzuwürgen und die Börsenkurse zu drücken – so wie es einst die Schuldenkrise um Griechenland fast vermocht hätte.

Die Argumentation der Skeptiker erscheint angesichts des seit vergangenem Herbst um 40 Prozent gestiegenen Rohölpreises auf den ersten Blick einleuchtend: Für die vielen Industriefirmen verteuert sich die Produktion. Dadurch steigen die Preise. Zugleich haben die Verbraucher weniger Geld in der Tasche, weil ihre Öl-, Gas- und Benzinrechnungen steigen. All das schmälert die Firmengewinne. Diese alten Lehrbuchweisheiten sind im Prinzip immer noch richtig, greifen allerdings zu kurz.

Grund für den rasanten Ölpreisanstieg ist die hohe Nachfrage der Industrie- und Schwellenländer. Der Streit mit Iran über sein Atomprogramm und die von Teheran angedrohte Sperrung der Öltransportroute über das Meer verstärkten zuletzt den Anstieg – und rufen Erinnerungen an die Ölkrise der 1970er-Jahre wach.

Vordergründig betrachtet wirken sich steigende Ölpreise immer noch negativ auf die Konjunktur aus. Besonders für Automobil- und Chemiefirmen wie Volkswagen und BASF steigen die Produktionskosten. Solange sie diese komplett an ihre Endkunden weitergeben können, erhöhen sich zwar die Umsätze. Doch sobald sich die Abnehmer zurückhalten, sinken die Gewinne.

Allerdings ist die Wirtschaft zumindest in den entwickelten Industriestaaten dank steigender Ölpreise in den vergangenen Jahren immer energieeffizienter geworden. Die Abhängigkeit vom Öl ist gesunken. Die Zeiten, in denen Analysten gern runde Preismarken von 50 Dollar und später 100 Dollar pro Fass aufriefen, ab denen der Ölpreis die Konjunktur angeblich abwürgt, sind vorbei. Deutschlands klassische Industriekonzerne wie Daimler, Linde und Siemens wurden sehr gut damit fertig, dass der Ölpreis in den letzten zehn Jahren um 250 Prozent gestiegen ist. Die Gewinne der Unternehmen legten noch stärker zu.

Die vergangenen zwei Jahrzehnte zeigen, dass sich Konjunktur, Firmengewinne und Aktienkurse ausgerechnet dann besonders gut entwickelten, wenn der Ölpreis stieg. Umgekehrt schwächelten die Konjunktur und die Börsen, wenn der Preis fiel. Spektakuläres Beispiel ist 2008, als der Ölpreis in nur vier Monaten um 110 Dollar auf 35 Dollar pro Fass fiel. Keineswegs beflügelte der lang ersehnte Preisverfall anschließend die Konjunktur, weil die Unternehmen plötzlich preiswerter produzieren konnten. Stattdessen brach die Weltwirtschaft ein. Deutschland rutschte in die schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte.

Kommentare zu " Kommentar: Gut, dass Öl so teuer ist"

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  • "Gut, dass Öl so teuer ist". Für mich sicher ein Motivationsgrund mehr auf mein Carbonbike umzusteigen. Das spart und hält fit und ist auch Dank moderner Funktionsbekleidung bei Temperaturen unter Null kein Problem.
    Ein Problem ist die Begründung für den Ölpreisanstieg. Das Handelsblatt sollte endlich einmal zugeben, was die wahre Ursache ist: Der Grund für die Inflationsrate von etwa 10% bei den Gütern des täglichen Bedarfes ist "Quantitative Easing" oder volkstümlich ausgedrückt, die ungehemmte Gelddruckerei der EZB und anderer Zentralbanken. Verlassen wir uns darauf, wir werden bald noch höhere Inflationsraten sehen. Die Offizielle bleibt niedrig, warum wohl?

  • jetzt wäre es Zeit für mehr Energieeffizienz
    gerade Kleinstunternehmer könnten schon bei kleiner Unterstützung einen grossen Entwicklungsimpuls bringen
    s.
    projekt-london-delhi.de

  • @Harald
    Dass die drastisch ansteigende Geldmenge früher oder später die Inflation treibt, ist die österreichische Schule der Ökonomie. Da geht kein Weg dran vorbei, wie alle Fälle in der Vergangenheit zweifelsfrei bewiesen haben. Aber die Mainstream-Ökonomie hat sich mehrheitlich mit der österreichischen Ökonomie wenig beschäftigt..

    Das Handelsblatt reitet überwiegend auf der Mainstream-Welle. Leider!

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