Kommentar
Gut gemeintes Urteil

Die Verfassungsrichter meinen es gut mit den Kunden der Lebensversicherer. Sie geben ihnen das Recht auf angemessene Beteiligung an den Gewinnen der Gesellschaften. Eine Niederlage für die Branche – aber auch ein Sieg für die Kunden?

Die Verfassungsrichter meinen es gut mit den Kunden der Lebensversicherer. Sie geben ihnen das Recht auf angemessene Beteiligung an den Gewinnen der Gesellschaften. Eine Niederlage für die Branche – aber auch ein Sieg für die Kunden?

Die klassische Lebens- oder Rentenversicherung ist ein teures und langweiliges Produkt, das niemand versteht. Aber es hat auch seinen Vorzug: Es federt Risiken der Finanzmärkte ab. In guten Zeiten baut der Versicherer Reserven auf, in schlechten wieder ab. Dadurch schlagen Schwächephasen an der Börse nur in abgemilderter Form auf den Kunden durch. Doch genau damit ist es nach dem Gerichtsurteil wohl bald vorbei. Denn wenn der Versicherer in guten Zeiten alles ausschütten muss, hat er in schwachen Phasen nichts zum Zubuttern.

Man wird sehen, wie der Gesetzgeber das Urteil im Detail umsetzt. Aber klar ist heute schon: Die Ausschüttungen der Lebensversicherer werden künftig stärker schwanken. Und die Gesellschaften werden weniger garantieren als heute. Der niedrige Zins am Kapitalmarkt, die schlechten Erfahrungen mit der Börse und künftige Bilanzregeln machen es für die Branche ohnehin schwer, dem Kunden etwas zu versprechen. Der Zwang, Reserven auszuschütten, kommt hinzu. So werden die Versicherer den Kunden künftig tendenziell mehr Risiken aufbürden.

Das Urteil setzt daher möglicherweise ein falsches Signal – es ist eben nur gut gemeint. Der eigentliche Makel der Branche ist die fehlende Transparenz, nicht der Aufbau von Reserven. Kunden, die Produkte ohne stille Reserven kaufen wollen, können das heute schon tun – etwa Fonds oder fondsgebundene Lebensversicherungen. Aber wer eine klassische Versicherung mit Reserven und Garantien kaufen will, sollte diese Möglichkeit behalten – sofern der Versicherer ihm genau vorrechnet, was mit seinem Geld passiert. Warum wollen die Richter ihn daran hindern?

Nur einer hat kein Recht, sich zu beschweren: die Versicherer. Sie haben jahrzehntelang jede Transparenz verweigert und damit letztlich einen derartigen Richterspruch herausgefordert.

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