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Kommentar: Heilsames Greenwashing

Unternehmen zeigen immer mehr Sensibilität für die sozialen und ökologischen Bedingungen ihrer Produktion. Dies als reines Marketing abzutun, greift zu kurz.

Diese Algen sollen das Rauchgas des Energiekonzerns RWE filtern. Quelle: dpa
Diese Algen sollen das Rauchgas des Energiekonzerns RWE filtern. Quelle: dpa

Die Wirtschaftsprüfer entdecken gerade ein neues Wachstumssegment: die Prüfung von sogenannten Nachhaltigkeitsberichten. In den letzten zehn Jahren haben fast alle großen Konzerne damit angefangen, umfängliche Berichte mit einem weiten Themenspektrum zu schreiben, in denen sie zum Beispiel Rechenschaft ablegen über ihren ökologischen „Fußabdruck“, die Sozialrichtlinien für Zulieferer samt Anzahl und Ergebnissen der Kontrollen, außerdem über Spenden und „Community-Projekte“ – alles, was das Herz begehrt außer Gewinnen. Längst gibt es Leitlinien, wie solche Berichte aufgebaut werden sollten, am bekanntesten ist der GRI-Index der Global Reporting Initiative. Und damit gibt es auch die Möglichkeit, diese Berichte auf Plausibilität zu prüfen und zu testieren.

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Sind diese Bemühungen ernst zu nehmen? Handelt es sich um „green washing“, also Marketing gegenüber „bewussten“ Konsumenten, oder darum, echte Verantwortung jenseits der finanziellen Ziele und der gesetzlichen Vorgaben zu übernehmen? Ich glaube, beides ist der Fall, aber allmählich setzt sich doch das Prinzip Verantwortung durch.

Frank Wiebe ist Kolumnist beim Handelsblatt. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Frank Wiebe ist Kolumnist beim Handelsblatt. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt

Geändert hat sich auch die Reaktionsweise der Konzerne. Wenn früher über soziale Missstände oder Umweltprobleme bei Zulieferern berichtet wurde, war es noch eher Standard, entweder die Probleme selbst oder die Verantwortung dafür abzustreiten. Heute lautet die Standardreaktion: „Wir nehmen das sehr ernst.“ Apple zum Beispiel widmet ein eigenes Kapital den Selbstmorden beim Zulieferer Foxconn und schickte Top-Manager nach China, um sich die Verhältnisse anzuschauen. Viele Konzerne geben offen zu, dass das Problem der Kinderarbeit schwer in den Griff zu bekommen ist, und berichten gleichzeitig darüber, welche Art von Kontrollen sie etabliert haben. Große Konzerne gehen auch gern Partnerschaften mit Umweltorganisationen wie dem World Wide Fund for Nature (WWF) ein. Oder sie setzen sich in Zulieferländern für höhere gesetzliche Mindestlöhne ein, weil sie die Diskussionen um Hungerlöhne leid sind, aber auch nicht mehr als die Konkurrenz zahlen wollen.

Die Fronten verschwimmen so. Das alte Spiel „Die Kritiker schimpfen, und die Konzerne streiten alles ab“ gerät in Unordnung. Die Chance besteht darin, dass sich so tatsächlich hier und da etwas bewegt. Das Problem ist, dass sich nur schwer feststellen lässt, ob Worte und Taten zusammenpassen.

Ein Effekt dieser neuen Verantwortung ist auch, dass die Konzerne zum Teil de facto staatliche Aufgaben übernehmen. Denn in vielen Ländern gibt es durchaus klare Gesetze gegen Kinderarbeit oder Höchstgrenzen für Mehrarbeit. Sie werden nur zu wenig vom Staat kontrolliert. Viele Konzerne schicken regelmäßig Teams in die Zulieferbetriebe, kontrollieren Arbeitsunterlagen und schulen die Mitarbeiter, damit die ihre Rechte kennen, außerdem gibt es zum Teil Hotlines für Beschwerden. Damit übernehmen sie praktisch die Aufgabe, staatliche Regeln durchzusetzen. Sie tun es natürlich vor allem, um sich selbst vor Kritik in ihren wichtigsten Absatzmärkten zu schützen.

Erneuerbare Energien

Ich glaube, man sollte diese Bemühungen ernst nehmen, auch wenn sie zum Teil sicher von Marketingdenken getrieben sind. Aber es dürfte in jedem Konzern auch Mitarbeiter geben, die ethische Probleme wirklich und sehr persönlich ernst nehmen. Und diese Leute kann man nur stärken, wenn man ihre Arbeit tatsächlich ernst nimmt. Wer pauschal alles als „green washing“ beiseite schiebt, macht es sich zu einfach und allen, die etwas verändern wollen, zu schwer.

Unternehmen nehmen heute Kritik sehr ernst – oder tun jedenfalls so.

Der Autor ist erreichbar unter: wiebe@handelsblatt.com

  • 14.02.2012, 12:12 UhrAnonymer Benutzer: AlgaeObserver

    Interessanter Artikel - insbesondere auch, da das erste Bild einen Algenreaktor des RWE Konzerns zeigt. Ich habe dies zum Anlass genommen Ihren Artikel im AlgaeObeserver Blog (www.algaeobserver.com) kurz zu kommentieren.

  • 13.02.2012, 18:18 UhrAnonymer Benutzer: vandale

    Wenn man die mehrere 100 Seiten dicken Geschäftsberichte Deutscher Versicherer studieren möchte, so stösst man auf viele grüne Bilder und ökoreligiöse Glaubensbekenntnisse. Man verschwendet das Geld der Aktionäre um ideologisch korrekte Wohltaten zu vollbringen. Die Zahlen die ich suche sind unter all dem Oeko- und Sozialschwindel versteckt.

    Ich gehe davon aus, dass all die Initiativen die Welt zu retten das Management davon abhält ihr Unternehmen im Wettbewerb weiterzuentwickeln. Es entsteht der Verdacht, dass man diesen Oekoschwindel verfolgt um die Realität des Geschäfts zu verdecken, der Realität des Kerngeschäfts zu entfliehen. Für den Anlager sollte dies ein Alarmzeichen sein.

    Als Anleger bevorzuge ich Unternehmen die sich auf ihr Geschäft konzentrieren. Als Vorbild empfinde ich die Quartalsberichte von Samsung Electronics. Auf wenigen Seiten findet man die wichtigsten Geschäftszahlen.

    Als potentieller Mitarbeiter schaue ich auf Produkte, Arbeitsbedingungen und Gehalt.

    Meines Erachtens ist es wenn überhaupt Aufgabe der Politiker die Welt zu retten. Vorstände die die Welt retten möchten, sollten entlassen werden.

    Vandale

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