Kommentar
Heißer Kampf, abruptes Ende

Die Kuh ist vom Eis. Einmal tief durchatmen, die Wunden lecken und nachrechnen, was der Bieterkampf letztendlich Bayer zusätzlich kostet und Merck extra bringt. Dabei sind die Leverkusener noch glimpflich davon gekommen. Denn die beabsichtigte Übernahme von Schering hätte sie noch deutlich teuer kommen können.

Drei Euro mehr als die zunächst angebotenen 86 Euro befinden sich im Rahmen der Erwartungen. Fachleute hatten zuletzt sogar schon deutlich mehr als 90 Euro gesehen, die Bayer für eine Schering-Aktie hätte zahlen müssen, um die Kontrolle über das Berliner Pharma-Unternehmen zu bekommen. Bayer kommt der Deal damit etwa 600 Mill. Euro teurer als zunächst geplant.

Das Familienunternehmen Merck hat dafür mal so eben 400 Mill. Euro Buchgewinn gemacht. Steuern und Kosten runter bleibt ein schöner a.o. Gewinn von voraussichtlich satten 250 Mill. Euro, die im zweiten Quartal ohne viel Risiko mal so eben zusätzlich verdient wurden.

Morgen, nach Ablauf der Angebotsfrist um Mitternacht, wird Bayer dann verkünden, dass man über deutlich mehr als die mindestens beabsichtigten 75 Prozent der Schering-Anteile verfügen könne. 35 Prozent hatte Bayer ohnehin schon selbst gekauft, mit den angedienten Papieren hatten die Leverkusener selbst bereits über 55 Prozent zusammen. Knapp 22 Prozent kommen von Merck nun hinzu. Schließlich werden auch noch die letzten Zagerer bei 89 Euro verkaufen. Weit über 80 Prozent, vielleicht sogar mehr als 90 Prozent von Schering wird Bayer am Fronleichnams-Feiertag dann sein Eigen nennen.

Darf man Bayer-Chef Werner Wenning und seiner Mannschaft gratulieren? Erst mal ja. Weil nicht zuletzt intensiv und eisern an einer Lösung gearbeitet wurde und die Nerven in der Bayer-Zentrale sehr angespannt waren und man auf Kritik sehr dünnhäutig reagierte. „Von diesem Schritt werden alle drei beteiligten Unternehmen profitieren“, kommentierte Werner Wenning die Wende, die gestern noch mehr Experten voraussagten als heute morgen, als Bayer mit einer Schadensersatzklage drohte und sich die Fronten zu verhärten schienen.

Ob der Deal dann wirklich mehr Wert in der deutschen Pharmaindustrie schaffen wird, werden wir frühestens in drei bis fünf Jahren wissen. Der Erfolg wird entscheidend davon abhängen, wer nun die Bayer Schering Pharma AG leiten wird. Womit die nächste spannende Frage auf eine Antwort wartet.

Interessant wird jetzt auch sein, wie die US-Börsenaufsicht SEC reagiert. Gestern noch ließ Merck wissen, man betrachte die Schering-Beteiligung als langfristig und strategisch. Heute schon wieder alles anders?

Noch eins: Gewinner sind auf jeden Fall die Mitarbeiter von Schering sowie die Aktionäre von Bayer und Merck. Die Hängepartie ist zu Ende, und damit auch die Sorge der Schering-Mitarbeiter um unübersehbare Konsequenzen bei einer Zerschlagung des Berliner Traditionsunternehmens. Die Bayer-Aktie legte direkt nach Bekanntgabe der Nachricht, dass Merck seine Schering-Anteile Bayer anbieten werde, deutlich zu. Auch das Merck-Papier lag ganz klar im Plus.

Ob sich Werner Wenning, Bayers Vorstandsvorsitzender und bekennender Fußballfan, jetzt endlich der laufenden Weltmeisterschaft der Kicker widmen kann? Nach solch spannenden und nervenaufreibenden Tagen bietet sich gleich am Mittwochabend dazu beim Länderspiel der Deutschen die Möglichkeit. Obwohl’s auch da wieder spannend werden könnte.

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