Kommentar
Heißes Poker um die Börsen

Das Verhandlungspoker um die Führungsrolle unter den internationalen Börsen läuft heiß. Mit seiner Fusionsofferte an die französisch dominierte Euronext hatte Frankfurts Börsenchef Reto Francioni die Partie vor einigen Monaten eröffnet. Jetzt spielt Euronext-Chef Jean-François Theodore seine Karten aus.

Er flirtet mit der New Yorker und sogar mit der unbedeutenden italienischen Börse. Die Botschaft an den Main ist klar: Seht her, wir brauchen euch nicht, es gibt auch andere Prätendenten!

Francioni tut gut daran, sich jetzt auf das eigentliche Ziel zu konzentrieren: Nicht diese oder jene Einzelaktivität der Börse zählt, sondern dass Frankfurt bei der globalen Konsolidierung nicht plötzlich außen vor bleibt und im Interesse des Finanzplatzes als einer der entscheidenden Mitspieler hervorgeht.

Der frühere Wunschpartner London scheint bereits vergeben. Hier hat sich die amerikanische Nasdaq eingekauft. Sollte nun die Euronext tatsächlich mit der Nyse ins Geschäft kommen, könnten die beiden großen amerikanischen Börsen Europa im Handstreich erobern. Eine isolierte Deutsche Börse könnte früher oder später von einer der beiden Megabörsen geschluckt werden.

Dem muss und kann Francioni entgegenwirken: Manches spricht dafür, dass Euronext mit den Avancen in Richtung USA vor allem den eigenen Aktienkurs hoch treiben will. Denn es ist nur schwer vorstellbar, dass sich ein französisches Unternehmen an die Wall Street verkauft. Das würde der französischen Gefühlslage widersprechen und wäre politisch heikel. Der französische Präsident und die Bundeskanzlerin haben sich hinter die deutsch-französische Börsenehe gestellt. Auch die Hedge-Fonds, die sowohl an Euronext als auch an der Deutschen Börse beteiligt sind, drängen auf eine Fusion beider Konzerne.

Ein Selbstläufer ist die Achse Frankfurt-Paris aber noch lange nicht. Das Ringen um die Machtverteilung ist das größte Problem. Auf dem Papier liegt der Vorteil hier wegen des höheren Börsenwerts bei den Frankfurtern. Doch eine rein arithmetische Betrachtung ist bei Fusionen nur selten ein guter Ratgeber – und erst recht nicht bei Börsen, die immer noch nationale Symbolkraft haben.

Die Holzhammer-Methode hilft nicht, wie man gerade in Frankfurt weiß: Frühere Fusionsversuche scheiterten nicht zuletzt an der selbstherrlichen Art von Ex-Börsenchef Werner Seifert. Daher ist es völlig richtig, dass Francioni den Franzosen entgegenkommt, auch wenn es um prestigeträchtige Fragen geht. Die Verantwortung für den Aktienhandel nach Paris abzugeben wäre kein Problem. Frankfurt könnte sich am boomenden Terminhandel schadlos halten. Das Derivatgeschäft ist weniger glamourös als der Aktienhandel, hat aber das größere Wachstumspotenzial. Wanderte der juristische Firmensitz ins Ausland, hätte das vor allem symbolischen Charakter, solange Frankfurt Sitz der Hauptverwaltung bliebe. Euronext die Hälfte der Aufsichtsratsmandate zu bieten ist ein weiteres sinnvolles Zugeständnis.

Theodore ziert sich immer noch, wohl eher aus persönlicher Eitelkeit als aus rationalen Gründen. Einen besseren Deal dürfte er so schnell nicht bekommen. Und Frankfurts Interessen entspricht er allemal.

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