Kommentar
Hintzes Brief ist eine Unverschämtheit

Die Einmischungen der Bundesregierung in die wirtschaftlichen Belange von EADS gehen zu weit. Die Politik erhebt Forderungen, die jeden Respekt für die Marktwirtschaft vermissen lassen.
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Vor drei Wochen schilderte der designierte EADS-Chef Tom Enders in Paris, wie er sich den Konzern in Zukunft vorstellt: als ein ganz normales Unternehmen. Nur die Leistung der Mitarbeiter und die jeweilige Stärke der Standorte entscheiden darüber, wo etwas hergestellt wird, nicht aber ein Denken in nationalen Balancen und planwirtschaftlich zu erfüllenden Produktionsanteilen der deutschen und französischen Werke. Die deutsche und französische Regierung sollten keinen Einfluss nehmen und ihre Kapitalbeteiligung abbauen. Enders’ Vorstellung entspricht dem, was Konsens in Deutschland ist: Der Staat hält sich aus Unternehmensentscheidungen heraus.

Diesen Konsens kündigt das Bundeswirtschaftsministerium auf. Der Brief des parlamentarischen Staatssekretärs aus diesem Haus, das wie kein anderes für die Marktwirtschaft steht, bricht mit allen Traditionen. Mehr noch: Er ist eine Unverschämtheit.

Ein Politiker maßt sich an, dem Chef eines börsennotierten Unternehmens vorzuschreiben, welche Nationalität die Mitarbeiter haben müssen, wo sie einzusetzen sind, bis wann er eine Deutschland-Quote zu erfüllen hat und welche Produktions- und Entwicklungsaktivitäten in deutsche Lande zu verlagern sind. Inhalt und Ton dieses Schreibens sind so krude, dass sie wie die Persiflage aus einer Satirezeitschrift wirken. Aber es ist ernst gemeint und mit einer handfesten Drohung unterlegt: Forderungen erfüllen oder zahlen.

Enders hat zusammen mit seinem Stellvertreter Fabrice Brégier Airbus aus der Krise heraus zum Erfolg geführt. Beide gemeinsam haben ein schwieriges Kostensenkungsprogramm verwirklicht und deutsch-französische Rivalitäten im Unternehmen weitgehend verstummen lassen. Wenn Airbus am Konkurrenten Boeing vorbeigezogen ist, dann deshalb, weil Enders und Brégier den nationalen Proporz nicht mehr zum Maß aller Dinge gemacht haben.

Viele in Deutschland dachten, das sei eine Provokation für Frankreich. Wie man jetzt sieht, fühlt sich aber die Bundesregierung herausgefordert. Die Franzosen haben inzwischen ihren Frieden mit Enders gemacht. Als Noch-Airbus-Chef sollte Enders sich nicht von Hintze oder den Forderungen der CSU gegen die Verlagerung von Stabsstellen nach Toulouse beeindrucken lassen.

In der Zukunft wird er als EADS-Chef alles daransetzen müssen, noch weniger erpressbar zu sein. Den Staat als EADS-Anteilseigner zurückzudrängen ist ein Ansatz. Für private Investoren wird EADS in dem Maß interessanter, in dem sie die Gewissheit haben, dass Berlin und Paris das Unternehmen nicht mehr gängeln können. Aber das allein wird nicht genügen. Auch die Abhängigkeit von staatlicher Vorfinanzierung der Entwicklungskosten ist ein Einfallstor für das Verlangen der Politik, nationale Quoten einzuhalten und ihnen den Vorrang vor dem Wohl des Unternehmens zu geben. Auch hier muss der Flugzeugbauer noch stärker auf eigenen Beinen stehen.

Schließlich stellt sich die Frage, mit wie viel Rücksichtnahme auf politische Winkelzüge das Rüstungsgeschäft erkauft wird. Die europäischen Demokratien fallen als Großkunden angesichts anhaltender Sanierungszwänge ohnehin aus, und andere Staaten verlangen weitgehenden Technologie- und Fertigungstransfer. Enders hat noch einen steinigen Weg vor sich.

Der Autor ist Korrespondent in Paris und Kommentator. Sie erreichen ihn unter: hanke@handelsblatt.com


Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

Kommentare zu " Kommentar: Hintzes Brief ist eine Unverschämtheit"

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  • Der Artikel ist für ein "normales" rein deutsches (oder amerikanisches etc.) Unternehmen vielleicht zutreffend. Geschrieben von einem Pariskorrespondent ist er aber eine Zumutung. Ein Pariskorrespondent sollte wissen (und ich denke, das weiss er), dass Frankreich nichts aber auch garnichts dem Zufall und dem Ausland (insbesondere Deutschland) überlässt.
    Frankreich versucht mit jedem Atemzug seinen Einfluss bei EADS zu vergrössern. Auch sollten Sie Herrn Gallois mal in einem vorwiegend französichen Kreis reden hören. Da spricht er ganz anders.
    So ist denn auch Enders' Plan , Toulouse als Konzerzentrale zu etablieren, nicht Ergebnis von reinen wirtschaftlichen Überlegungen sondern Ergebnis seines Dealens mit den Franzosen. Dadurch konnte er seine Personalvorstellungen durchbringen.
    Wenn das französiche Hegemonialstreben nicht endlich aufhört (womit nicht zu rechnen ist), wäre eine Realteilung des Konzerns in einen deutschen und einen französichen Teil langfristig sicher die bessere Lösung.

  • der Kommentar von H. Hanke ist eine Unverschämtheit !

  • Die Fransosen haben sich sehr aufgeregt, daß jetzt Enders Chef von EADS werden sollte. Warum? Weil er kein Franzose ist! Obwohl es sich doch um ein vor allem deutsch-französisches Unternehmen handelt und man sich deshalb selbstverständlich abwechselt.

    Der A380 wird natürlich in Frankreich gebaut. Man sollte annehmen, daß dann der A350 in Deutschland gebaut wird? Aber nein, die Franzosen könnten sich ja aufregen und da zittern deutsche Manager wie zu Hause vor ihrer Frau. Der A350 wird natürlich auch in Frankreich gebaut!

    Die Zentrale von Airbus ist wo? In Toulouse! Die Zentrale von EADS soll jetzt wohin? Richtig, auch noch nach Toulouse! Sonst regen sich die Franzosen auf!

    Wenn die Zentrale von EADS jetzt aber zum Ausgleich ganz nach München oder Hamburg verlegt würde? Was dann?

    Dann hätte Enders die Interessen seines Landes angemessen vertreten, einen dringend notwendigen Beitrag zur gerechten Neujustierung der Machtverhälnisse in diesem EUROPÄISCHEN Konzern geleistet und wäre sich seines Lebens in Frankreich wohl nicht mehr sicher.

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