Kommentar
Identität und Geschäft

Die hitzige, emotionale Debatte über eine Ehe zwischen Alstom und Siemens zeigt, dass „europäische Champions“ nicht von rationalen Industriepolitikern am grünen Tisch erschaffen werden können. Bei Fusionen gibt es immer einen stärkeren und einen schwächeren Partner.

Trotz aller rhetorischen Nebelkerzen, die eine „Fusion unter Gleichen“ stets begleiten: Nach spätestens fünf Jahren ist klar zu erkennen, wer sich durchgesetzt hat. Das war bei Daimler-Chrysler so, das wird auch bei Sanofi-Aventis so kommen. Darum ist auch Management und Belegschaft von Alstom klar, dass eine industrielle Partnerschaft mit Siemens in eine Beherrschung durch Siemens münden würde.

Europäische Champions werden nur in seltenen Ausnahmefällen auch europäische Unternehmen sein – wie der Flugzeughersteller EADS. Genauso wenig, wie unter den Bürgern der EU eine europäische Identität verbreitet ist, ist sie bisher unter Europas Top-Unternehmen zu finden. Der Anspruch großer Unternehmen ist es heute, Weltkonzern zu sein. Die besten von ihnen haben darum eine starke Firmenkultur, die die Mitarbeiter in aller Welt gemeinsamen Werten verpflichtet und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugt. Nach außen spiegelt sich das in einem starken Image und starken Marken. Je stärker, desto unwichtiger wird die Nationalität des Unternehmens. Wie viele Sportschuhkäufer in Korea sehen Adidas als deutsche Firma, wie viele Joghurtesser in Frankreich wissen, dass Nestlé in der Schweiz sitzt?

Ist der Sitz der Firmenzentrale also völlig egal? Nein, sonst würden ja Politiker auch nicht so sehr dafür kämpfen, große Unternehmen im eigenen Land zu halten. Die Zentrale eines Konzerns beschäftigt Tausende hoch qualifizierter Arbeitskräfte, an denen viel Kaufkraft hängt. Und, noch wichtiger, auch Weltkonzerne zeigen sich bei Investitionsentscheidungen nicht völlig frei von Herkunft und Tradition. Es ist also berechtigtes Interesse jedes Landes, Firmenzentralen zu sichern. Aber nicht um den Preis, dass lieber komatöse Konzerne am Leben erhalten werden, als dass man sie mit starken Partnern aus Nachbarländern verheiratet. Solange Ersteres geschieht, ist die Debatte über „europäische Champions“ nichts als leeres Gerede.

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