Kommentar: IG Metall
Neue Köpfe, sanfter Wandel

Der bevorstehende Führungswechsel ist für die IG Metall ein verspäteter Neuanfang. Vier Jahre nach dem gescheiterten Metallerstreik im Osten und dem großen Führungskrach sollen nun auch personell wieder klare Verhältnisse einkehren.
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War die bisherige IG-Metall-Spitze mit Jürgen Peters und Berthold Huber eine Notgemeinschaft zweier geschwächter Kontrahenten, ähnlich der Großen Koalition aus Union und SPD, so verkörpert die designierte neue Führung viel stärker eine gewollte strategische Partnerschaft.

Huber und der bisherige nordrhein-westfälische Bezirksleiter Detlef Wetzel teilen ein Verständnis tarifpolitischer und politischer Problemlagen, das Veränderung als strategische Aufgabe sieht. Treten bis zur Wahl auf dem Gewerkschaftstag nicht noch unerwartete Turbulenzen auf, dürfte sich damit künftig zumindest die Tonlage der IG Metall hörbar ändern. Wo Peters in der öffentlichen Auseinandersetzung den Säbel schwang, führen Huber und Wetzel beide eher das argumentative Florett.

In der Sache wird der Einschnitt aber weitaus weniger dramatisch sein, als viele bisher vermuten. Der wichtigste Unterschied besteht in der veränderten Ausgangsbedingung: Beim alten Führungsduo Peters/Huber bestand eine Balance des Misstrauens zwischen zwei zerstrittenen innergewerkschaftlichen Lagern. Die neue Spitze startet dagegen ohne diese Hypothek und wird daher in der Praxis weniger dem Verdacht ausgesetzt sein, klammheimlich gegeneinander zu arbeiten.

Das kann für die IG Metall eine Chance sein, sich auf den Strukturwandel der Wirtschaft und die Herausforderungen für den Flächentarif künftig weitsichtiger und effektiver einzustellen als bisher. Doch sei vor allzu simplen Rückschlüssen gewarnt: Wenn in der neuen Gewerkschaftsführung sogenannte Modernisierer die „Traditionalisten“ dominieren, wird die IG Metall noch lange nicht vom Raubtier zum Kätzchen.

Die Kampagnen von NRW-Bezirkschef Wetzel für eine besonders mitglieder- und betriebsbezogene Gewerkschaftsarbeit – „Tarif aktiv“, „Besser statt billiger“ – sind als Ansätze der Modernisierung viel gewürdigt worden. Doch mancher Arbeitgeber hat mittlerweile hautnah erlebt, wie zäh und unbequem die IG Metall dabei sein kann. Umgekehrt geht die kämpferische Rhetorik von Peters & Co. nicht selten mit einem erstaunlichen Hang zu Pragmatismus im Einzelfall einher.

Doch es wird auch nicht eine gezähmte Wildkatze zum Raubtier. Die Vorstellung von einer seit 2003 geschwächten, in Selbstblockade gefangenen Gewerkschaft entspricht nicht der Tarifpolitik der vergangenen Jahre. Immerhin hat die IG Metall stets kräftige Lohnabschlüsse erkämpft, zuletzt 4,1 Prozent. Sie hat aber auch das „Pforzheimer Abkommen“ geschlossen, das Betrieben mehr Abweichungen vom Flächentarif erlaubt, was nicht für totale Erstarrung spricht. Selbst ihre Mitgliederzahl war zuletzt stabiler als die anderer Gewerkschaften.

Die größte Leistung von Peters für die IG Metall war wohl, einen geordneten Übergang ohne neue Anfeindungen zu ermöglichen. Die größte Herausforderung für die künftige Führung wird sein, neuem Misstrauen entgegenzuwirken, nachdem mit Peters’ Rückzug der institutionalisierte Gegensatz an der Spitze aufgehoben ist. Auch das spricht dagegen, dass sich die IG Metall rasch radikal ändern wird.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

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