Kommentar
IG Sekte oder Gewerkschaft

Im öffentlichen Streit um den Emissionshandel erleben wir gegenwärtig etwas, was in Deutschland schon seit Jahren nicht mehr zu beobachten war: Betriebsräte kämpfen gemeinsam mit ihren Unternehmen und Bundeswirtschaftsminister Clement für ein gemeinsames Ziel.

Im öffentlichen Streit um den Emissionshandel erleben wir gegenwärtig etwas, was in Deutschland schon seit Jahren nicht mehr zu beobachten war: Betriebsräte kämpfen gemeinsam mit ihren Unternehmen und Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement für ein gemeinsames Ziel. Am Freitag vergangener Woche erschien in überregionalen Tageszeitungen wie dem Handelsblatt eine bezahlte Anzeige, die von den Arbeitnehmervertretungen der fünf großen deutschen Energiekonzerne geschaltet wurde. Ihre Kernaussage: Wenn wir uns weiter von „unbezahlbaren grünen Wunschträumen“ leiten lassen, gefährden wir Hunderttausende von Arbeitsplätzen.

Wohl wahr. Was aber ist mit den unbezahlbaren Wunschträumen vom allumfassenden Sozialstaat? Sie kosten uns jedes Jahr weitaus mehr Jobs, die wegen hoher Sozialabgaben zu teuer für die Unternehmen geworden sind oder nicht in Deutschland entstehen. Doch die Mehrheit der Gewerkschaften bekämpft alle zaghaften Sozialreformen mit wieder wachsender Aggressivität. Vor der großen Protestaktion am kommenden Wochenende übertönen einmal mehr die bekannten Lautsprecher aus der IG Metall und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die vernünftigeren Stimmen. Dabei wäre nichts logischer als ein Schulterschluss zwischen Unternehmern und Arbeitnehmervertretern, wenn es um niedrigere Lohnnebenkosten geht.

Viele hauptamtliche Funktionäre in den beiden größten Gewerkschaften verlieren – im Gegensatz zu vielen Betriebsräten – den Bezug zur Wirklichkeit. Sie verstehen sich mehr als Mitglieder einer politischen Kampforganisation. Welch sektenartiger Geist in so mancher Hauptverwaltung herrscht, zeigt die geplante neue Linkspartei: Die Initiatoren stammen allesamt aus dem Kreis der bezahlten Gewerkschaftsfunktionäre, in Sprockhövel in Rhetorikkursen gestählt.

Man würde sich wünschen, dass sich die Betriebsräte der großen Konzerne auch in der gegenwärtigen Reformdebatte selbst zu Wort melden. Vielleicht würden wir dann etwas differenziertere Töne hören als die Nieder-mit-Parolen, die gegenwärtig durch die Republik klingen. Für die politische Kultur in Deutschland wäre das gut.

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