Kommentar

In der EU käme Erdogan nicht klar

Die Europäische Union will vorerst keine Beitrittsgespräche mehr mit der Türkei führen. Viele junge Türken können das zwar nachvollziehen. Für sie ist es trotzdem ein harter Schlag.
22 Kommentare
Katrin Elger ist Chefredakteurin der App Handelsblatt Live und berichtet derzeit vor Ort von den Geschehnissen in der Türkei.

Katrin Elger ist Chefredakteurin der App Handelsblatt Live und berichtet derzeit vor Ort von den Geschehnissen in der Türkei.

Jetzt stehen also auch noch die Beitrittsgespräche der Türkei mit der Europäischen Union (EU) auf der Kippe. Weder die deutsche Kanzlerin hat in der derzeitigen Situation große Lust, das nächste Kapitel der Verhandlungen zu öffnen, noch die niederländische Regierung. Damit ist die Sache erst einmal vom Tisch. Glücklicherweise.

Denn nach der Vorstellung, die der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in den vergangen Wochen abgeliefert hat, fallen einem nicht mehr viele Argumente ein, die für einen EU-Beitritt der Türkei sprechen. Tausende Verletzte und vier Tote gab es bei den Straßenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten rund um den Istanbuler Gezi-Park. Ärzte, die helfen wollten, kamen genauso ins Gefängnis wie Anwälte, die gegen Erdogans AKP-Partei aufbegehrten. Auch Menschen, die der Machtapparat als twitternde Gefahr für den sozialen Frieden ausmachte, landeten hinter Gittern.

Längst geht es nicht mehr um die grundsätzliche Frage, ob ein muslimisches Land überhaupt zur EU passen kann oder nicht. Wer sich daran bisher abgearbeitet hat, kann sich getrost wichtigeren Problemen zuwenden: der mangelnden Meinungsfreiheit in der Türkei zum Beispiel, der wachsenden Medienzensur oder der staatlichen Willkürherrschaft Erdogans.

Hinzu kommt: Wie sollte einer wie Erdogan, der selbst im eigenen Land keine Quer- und Freidenker ertragen kann, in einer politischen Gemeinschaft wie der EU klar kommen? In einem Verbund, in dem möglicherweise kein einziger seiner Meinung ist?

Viele der jungen und gebildeten Türken können verstehen, dass die EU einen wie Recep Tayyip Erdogan nicht mehr haben will. Sie würden ihn ja am liebsten selbst loswerden. Schön ist es trotzdem nicht, dass es mit der Europäischen Union jetzt erst einmal nichts wird. Ein Beitritt hätte nicht nur wirtschaftliche Vorteile für Handel und Industrie gebracht, sondern auch persönliche. Problemlos und visumsfrei nach Italien, Deutschland oder Frankreich in den Urlaub reisen zu können, zum Beispiel, das wünschen sich die meisten. Außerdem nimmt die fehlende EU-Perspektive den Reformdruck von Erdogan. Gerade in diesen schwierigen Zeiten wäre der jedoch wichtig gewesen.

Den Demonstranten vom Taksim-Platz bleibt nichts anderes übrig, als auf die nächsten Wahlen in der Türkei zu warten. Wenn sie Glück haben, werden Erdogan und seine AKP für ihre Herrschsucht abgestraft. Wenn nicht, werden sie vermutlich nie EU-Bürger werden. Die AKP wäre darüber vermutlich gar nicht so traurig.

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22 Kommentare zu "Kommentar: In der EU käme Erdogan nicht klar"

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  • "In der EU käme Erdogan nicht klar"

    Nun, die EU kommt mit sich selbst auch nicht klar!
    Das wird sich auch kaum ändern, solange an einer europäischen Gemeinschaftswährung festgehalten wird.

  • Danke HB, für diesen wirklich guten Artikel Ihrer Korrespondentin

  • Über den Stop der EU-Verhandlugnen sind aber usnere Grünen überhaupt nicht begeistert.
    Der Beck hat doch auch schon wieder was dazu gesagt.
    Warum gehen unsere Grünen eigentlich nicht in die Türkei?

  • rolrat
    das it eine sehr gute Idee

  • Erdogan ist ein gerissener Hund und wenn er in der Korrupten EU ist, wird er versuchen den Platzhirsch zu markieren, was widerum Bewunderung in der Türkei und Deutschland aulöst. Die
    fetten Staatsbediensteten in der Eu, die in Ruhe leben, würden aufgeschreckt und versuchen sich bei Erdogan anzubiedern. Also keine falschen Schlüsse, Bürger wollen starke Politiker und Erdogan gibt ihnen das Gefühl einer zu sein. Er wird auch den Christenclub auflösen und damit
    wieder in den Muslimischen Ländern punkten. Die jungen modernen Türken würden in einen Konflikt zwischen Erdogans AKP,SPD,Grünen.Linken und den Steinzeittürken geraten. Also soll er draußen bleiben. Anatolien ist auch sehr schön.

  • Wenn selbst die Bildzeitung in ihrer türkischen Ausgabe seit Tagen schon kein einziges Wort zu den Vorgängen in der Türkei berichtet, dann wissen wir alle wie weit es mit der Pressefreiheit dort ist. So ein Land kann sich die EU nicht leisten

  • .."Dann käme die eigentliche Geo-politische Strategie mit einem Fuß in Europa und beiden Füßen in Nahost oder Asien, gleich wie man das sehen mag stark ins Stottern."...

    Darüber wird gesondert zu Reden sein imao.
    So ganz bemerkungslos möchte man das nicht hinnehmen wollen geschweige denn unkommentiert so dastehen lassen wollen.
    Gerade bei diesem Thema.

  • Den Berichten nach zu urteilen, gerade eine Aufforderung an den MRGH zur Untersuchung jetziger Verhältnisse in der Türkei zu überprüfen, ob dies dem durch die Türkei ratifizierten Vertrag im Europarat noch standhält.

    Ich sehe absolut eine Gefahr für Erdogan, wenn er weiterhin sein Volk nur mit Waffen behandeln mag, daß er sich von selbst nicht nur in der Türkei erledigt, auch in Europa. Dann käme die eigentliche Geo-politische Strategie mit einem Fuß in Europa und beiden Füßen in Nahost oder Asien, gleich wie man das sehen mag stark ins Stottern.

    Die Europäische Union ist ebenso gefordert zu handeln, bevor da einer durchknallt und die gleichen Verhältnisse wie in Syrien ihren Lauf nehmen. ERGO klare Ansage: NEIN zur Aufnahme in die EU unter den jetzigen Verhältnissen. Zum Nachdenken ZEIT geben.

    Die Nervosität von Erdoghan macht nur deutlich, daß er ein Spieler, ein Schaf im Wolfpelz ist und nur seine eigene Machtposition und die Installierung eines islamischen Staates im Sinn hat. Wenn dies seine nunmehr durchsichtige Annäherung an die Europäische Union mit Mittelalter-Methoden, dann geht nichts mehr als die rote Karte und dann kann er sich auf seine eigenen Fehler besinnen. Der Mann versteht es offenbar nicht, seine ZEIT ist gerade abgelaufen. Nur merken sollte er es, bevor noch andere Dinge auf ihn und die Türkei niederprasseln. Die Menschen können einem leid tun, obwohl Sie mir persönlich nicht nahestehen. Jeden Tag dieses Machthabers und seiner Politik entsprechend obsolet werden.

  • @MustafaDurmaz...bedauerlicherweise ist es nahezu naiv, was du da forderst. Warum sollte Deutschland die Türkei auf selber Augenhöhe akzeptieren? Die Tatsache, dass man Türken nach Deutschland geholt hat, um die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu füllen, die sich durch die massive Nachfrage nach deutschen Produkten ergab, bedeutet nicht, dass man eine Freundschaft eingegangen ist. Gerade die Türken in Deutschland legen manchmal sehr rückwärtsgerichtete Werte an den Tag und sind mir bis auf ein paar aufgeklärten und toleranten Ausnahmen, fremd geblieben. Ich sehe somit auch in diesem "multikulturellen" Dunst keine Berührungspunkte oder gar Gemeinsamkeiten, denn mein Werteverständnis ist von Toleranz und meinungsfreiheit geprägt, welche türkischen Mitbürger hier und auch in der Türkei sehr stark vermissen lassen. Wenn die Türkei sich nun zu einem Kalifenstaat entwickelt, welcher die Meinungsfreiheit seiner Bürger zunehmend einzuschränken versucht, denn möchte ich auch mit solchen ignoranten despotischen Menschen nichts zu tun haben. Mein Respekt den Türken, die gegen Erdogan aufbegehren. Doch jenen Türken, die sich Ihren neuen Staat kritiklos schönreden, denen habe ich nichts weiter zu begegnen als: "Sechs. Setzen. Nochmal machen!"

  • sgH Durmaz,

    vom Land der Dichter und Denker spricht inzwischen selbst kaum noch ein Deutscher mehr.

    Daher wäre ein Update anzuraten auf das Europa heute und nicht auf eines, das, ausphantasiert sich zwar ganz gut lesen mag, mit der Wirklichkeit indes kaum noch etwas zu tun zu haben scheint.

    Was man auch immer davon halten mag: Herr Erdogan, wie so viele andere auch, zündelt in der Weltpolitik: dabei kanns auch einmal zum Feuer kommen.

    Dass Erdogan Demonstrationen im eigenen Land ebenso zu behandeln scheint wie ein Assad in Syrien: wird in Europa ebenso notiert, wie die Tatsache, dass es in der Türkei sehr viel mehr weltgewandte Menschen gibt als Erdogan zu respektieren wirkt.

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