Kommentar
In der EU käme Erdogan nicht klar

Die Europäische Union will vorerst keine Beitrittsgespräche mehr mit der Türkei führen. Viele junge Türken können das zwar nachvollziehen. Für sie ist es trotzdem ein harter Schlag.
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Jetzt stehen also auch noch die Beitrittsgespräche der Türkei mit der Europäischen Union (EU) auf der Kippe. Weder die deutsche Kanzlerin hat in der derzeitigen Situation große Lust, das nächste Kapitel der Verhandlungen zu öffnen, noch die niederländische Regierung. Damit ist die Sache erst einmal vom Tisch. Glücklicherweise.

Denn nach der Vorstellung, die der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in den vergangen Wochen abgeliefert hat, fallen einem nicht mehr viele Argumente ein, die für einen EU-Beitritt der Türkei sprechen. Tausende Verletzte und vier Tote gab es bei den Straßenschlachten zwischen Polizei und Demonstranten rund um den Istanbuler Gezi-Park. Ärzte, die helfen wollten, kamen genauso ins Gefängnis wie Anwälte, die gegen Erdogans AKP-Partei aufbegehrten. Auch Menschen, die der Machtapparat als twitternde Gefahr für den sozialen Frieden ausmachte, landeten hinter Gittern.

Längst geht es nicht mehr um die grundsätzliche Frage, ob ein muslimisches Land überhaupt zur EU passen kann oder nicht. Wer sich daran bisher abgearbeitet hat, kann sich getrost wichtigeren Problemen zuwenden: der mangelnden Meinungsfreiheit in der Türkei zum Beispiel, der wachsenden Medienzensur oder der staatlichen Willkürherrschaft Erdogans.

Hinzu kommt: Wie sollte einer wie Erdogan, der selbst im eigenen Land keine Quer- und Freidenker ertragen kann, in einer politischen Gemeinschaft wie der EU klar kommen? In einem Verbund, in dem möglicherweise kein einziger seiner Meinung ist?

Viele der jungen und gebildeten Türken können verstehen, dass die EU einen wie Recep Tayyip Erdogan nicht mehr haben will. Sie würden ihn ja am liebsten selbst loswerden. Schön ist es trotzdem nicht, dass es mit der Europäischen Union jetzt erst einmal nichts wird. Ein Beitritt hätte nicht nur wirtschaftliche Vorteile für Handel und Industrie gebracht, sondern auch persönliche. Problemlos und visumsfrei nach Italien, Deutschland oder Frankreich in den Urlaub reisen zu können, zum Beispiel, das wünschen sich die meisten. Außerdem nimmt die fehlende EU-Perspektive den Reformdruck von Erdogan. Gerade in diesen schwierigen Zeiten wäre der jedoch wichtig gewesen.

Den Demonstranten vom Taksim-Platz bleibt nichts anderes übrig, als auf die nächsten Wahlen in der Türkei zu warten. Wenn sie Glück haben, werden Erdogan und seine AKP für ihre Herrschsucht abgestraft. Wenn nicht, werden sie vermutlich nie EU-Bürger werden. Die AKP wäre darüber vermutlich gar nicht so traurig.

Annika Reinert
Katrin Elger
Handelsblatt live / Redakteurin

Kommentare zu " Kommentar: In der EU käme Erdogan nicht klar"

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  • "In der EU käme Erdogan nicht klar"

    Nun, die EU kommt mit sich selbst auch nicht klar!
    Das wird sich auch kaum ändern, solange an einer europäischen Gemeinschaftswährung festgehalten wird.

  • Danke HB, für diesen wirklich guten Artikel Ihrer Korrespondentin

  • Über den Stop der EU-Verhandlugnen sind aber usnere Grünen überhaupt nicht begeistert.
    Der Beck hat doch auch schon wieder was dazu gesagt.
    Warum gehen unsere Grünen eigentlich nicht in die Türkei?

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