Kommentar
In der Konsensfalle

Es ist das Sinnbild einer Krise: Da stirbt nach langer Krankheit der greise König Saudi-Arabiens – und es folgt ein ähnlich betagter Kronprinz auf den Thron.

Wäre dies schon in einer von Sorgen freien Monarchie kein Ausweis besonderer Dynamik, in Saudi-Arabien könnte sich diese horizontale Nachfolgepraxis als fatal erweisen. Nach Jahren der Agonie benötigt dieses Land einen frischen und mutigen Herrscher. Doch dies kann, bei aller Weisheit, der neue, 80 Jahre alte König Abdullah kaum sein.

Dabei müsste Saudi-Arabien längst überfällige Weichenstellungen vornehmen. Aber nur zögerlich und unter Druck mag sich das Ölimperium mit der Moderne, mit Demokratie einlassen. Ein kommunales Wahlrecht, ein paar mehr Spielräume für Frauen, der Konsultativrat als erweiterter Debattierclub: in der Substanz ist nicht wirklich etwas passiert, was das Königshaus reale Macht gekostet hätte.

Trotz radikaler Islamisten, trotz Terrorexport ins Ausland, trotz Bildungsnotstand und hoher interner Verschuldung will die Dynastie nicht vom Kurs der letzten fünfzig Jahre abweichen. Die Macht des Herrscherhauses der al Sauds beruhte stets auf dem Konsens. Die Schar von Prinzen und Prinzensöhnen wurde träge gehalten durch fürstliche Apanagen, die fundamentalistischen Prediger der Wahhabiten besänftigt durch große politische Spielräume, die Masse des saudischen Bürgertums ruhig gestellt durch Millionen von Gastarbeitern, die das Leben in Riad, Dschidda und Dahran so angenehm wie möglich machten.

Bis heute wird dieses System finanziert durch sprudelnde Petrodollar. Und mit der Ölhausse im Rücken wird diese Geldquelle auf absehbare Zeit auch nicht versiegen. Dem neuen König mag man zugute halten, dass er all diese Probleme kennt und benennt. Doch wie viel Zeit wird ihm bleiben, sie anzupacken?

Ebendas muss auch dem Westen Sorge bereiten. Denn Saudi-Arabien ist ein Anker für Stabilität im Mittleren Osten, sein Öl entscheidet auch über den Wohlstand in Berlin und Paris – und der Terror der Region kann einmal auch uns treffen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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