Kommentar
Italien im Zinsstrudel

Italien gilt als neuer Wackelkandidat der Eurozone. Dabei sind die Fundamentaldaten dort viel besser als etwa in Spanien und Griechenland. Doch bei den Altlasten im Haushalt zeigen die Finanzmärkte keine Gnade.
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Italien erwirtschaftet einen Haushaltsüberschuss. Dieser Satz passt so gar nicht zu dem Italien-Bild, das wir uns machen und das die Märkte derzeit verschreckt. Aber die Behauptung stimmt auch nur dann, wenn man die Zinsen, die das Land auf seine Altlasten - sprich Staatsverschuldung - zahlen muss, nicht einberechnet. Und die sind enorm hoch - und sie werden immer höher.

Diese Situation hat Italien erst gestern wieder zu spüren bekommen. Die Auktion von zwölf Monate laufenden Anleihen über 6,5 Milliarden Euro war zwar überzeichnet. Aber Rom musste den Investoren Zinsen von 3,97 Prozent anbieten. Am 11. Mai waren es noch 2,34 Prozent gewesen. Heute will Rom weitere 4,5 Milliarden Euro platzieren und am Freitag sogar 9,5 Milliarden Euro.

Die Märkte suchen nach Spanien den nächsten Wackelkandidaten, und sie scheinen jetzt in Italien ihr Opfer gefunden zu haben. Da mögen die Fundamentaldaten viel solider sein als in Spanien, Portugal oder Griechenland: niedrigeres Defizit, keine Immobilienblase, eine funktionierende Industrie, steigender Export. Das alles hilft indes nichts, wenn die Märkte die Zinsen in die Höhe treiben. Denn das trifft Italien besonders.

Italien sitzt auf einem Schuldenberg von fast zwei Billionen - zwei Tausend Milliarden - Euro, fast 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Mehr als 200 Milliarden Euro pro Jahr muss sich der Staat an den Märkten besorgen. Allein ein Prozent höhere Zinsen bedeuten also mehr als zwei Milliarden Euro Kosten für die Bedienung der Gläubiger.

Zum Vergleich: Der Sparkommissar von Regierungschef Mario Monti, Enrico Bondi, soll in diesem Jahr vier Milliarden Euro im öffentlichen Haushalt einsparen. Steigen die Zinsen um zwei Prozentpunkte, frisst diese Differenz allein alle Sparbemühungen auf. Damit ist Italien noch kein Fall für den Rettungsschirm. Aber wenn die Risikoaufschläge langfristig so hoch bleiben wie jetzt, kann auch der Magier Mario Monti nicht mehr viel ausrichten.

Monti hat zwar recht, wenn er Europa dazu aufruft, endlich gemeinsam glaubwürdige Maßnahmen zu ergreifen, damit die Spekulationen gegen einzelne Länder endlich aufhören. Doch er selbst muss zu Hause weiter kräftig durchgreifen. Wichtige Reformen wie die des Arbeitsmarkts sind bisher im Parlament stecken geblieben. Sie müssen jetzt so schnell wie möglich durchgebracht werden, um den Märkten klare Zeichen zu geben.

Die Autorin ist erreichbar unter: kort@handelsblatt.com

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • Zur Klarstellung : die Zinskosten erhöhen sich jährlich um 4 Mrd. EUR, wenn der Zinssatz um 2% steigt. Bondi wird kaum jährlich 4 Mrd. EUR einsparen können. In zehn Jahren sind die kompletten Schulden umgeschichtet, dann wäre der italienische Haushalt rein rechnerisch um zusätzlich 40 Mrd EUR belastet, das sind über 10% der Staatseinnahmen. Da die Wirtschaft in Italien nicht so rosig läuft wie uns Frau Kort weismachen will, werden die Einnahmen Italiens eher zurückgehen. Italien konvergiert offensichtlich in eine Staatspleite. Deswegen die Panikmache von Monti vor dem Gipfel und vielleicht deswegen auch die Kompromisse zu Gunsten Italiens auf dem Gipfel.

  • eine funktionierende Industrie, keine immobilienblase - wenn Sie das so sehen, Frau Kort, sollten Sie ab und an Ihren Mailaender Schreibtisch verlassen und in die italienischen Industriedistrikte fahren, z.B. Sassuolo, Cicita Castellana, Basso Lazio entlang der SS Pontina; da sind jeweils 70 bis 80 % der Firmen geschlossen; Schauen Sie sich dann in Rom noch die neuen Trabantensiedlungen wie Mezzocamino an, in denen 90 % der Wohnungen seit 2 oder 3 Jahren unverkauft geblieben sind. Italien ist am Ende und schiebt die Wahrheit vor sich her, damit diese den unterkapitalisierten Banken nicht auf die Fuesse faellt; dass ein Komiker wie Grillo in den Umfragen bei 21 % der Stimmen liegt, mit steigender Tendenz, sagt Alles ueber Unmut und Verzweiflung der Italiener; seit Jahresanfang sind 156 Unternehmer in den Selbstmord gegangen.

  • Was heißt denn da Spekulation? Italien ist pleite. Da beißt die Maus keinen Faden ab!
    Und: Die Italiener sind viel reicher als die Deutschen. Jedenfalls ist Italien reich genug, seine Probleme selbst zu lösen. Die wollen ihre Schulden nur vergemeinschaften. Und wenn man die rot-grünen Quaksalber in Berlin hört, dann haben sie Grund zur Hoffnung. Die Italiener sind ja nicht blöd! Und wenn sie dereinst merken, daß der Euro für Italien und seinen Wohlstand nichts mehr bringt, dann werden die Seiten gewechselt. So funktionierte Italien schon immer!

    Vereinigte Staaten von Europa? Der größte Lacher der Geschichte! Das dümmste "politische Projekt"!
    ESM ist der Untergang Europas - und nicht der Beginn einer positiven Entwicklung. Ich hab's schon aufgegeben, weil das BVerfG nicht eingreift - die Institution, die das Grundgesetz schützen soll versagt völlig; die Träumtänzer in Berlin verkaufen das eigene Volk. Insofern sind sie nicht besser als es die Nazis waren oder die Sozialisten im Osten.

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