Kommentar
Kassandra irrt sich

Fast täglich stellt in diesen Wochen rund um den Globus ein Börsenindex einen neuen langjährigen oder gar historischen Rekord auf. Das ist zu gut, um wahr zu sein. Wir erleben nur eine neue Blase, hervorgerufen durch die jahrelange Niedrigzinspolitik der großen Notenbanken und die daraus resultierende Liquiditätsschwemme. So lautet ein vielstimmiger Kassandraruf, der Investoren die Laune verdirbt.

Doch an der These ist etwas faul. Seit Juni 2004 hat die US-Notenbank ihren Leitzins von einem auf 4,75 Prozent angehoben. Damals lag der Zehnjahreszins in den USA schon bei 4,8 Prozent. Heute liegt er bei 4,9 Prozent. In Europa sind die Langfristzinsen sogar einen guten Prozentpunkt niedriger.

Die hohen Aktienkurse sind eine Wette darauf, dass das Zinsniveau auch in Zukunft in etwa auf diesem im historischen Vergleich niedrigen Niveau bleibt. Sollten die Kapitalmarktzinsen allerdings weiter so steigen wie in den letzten Monaten und auf einem wesentlich höheren Niveau bleiben, geht diese Wette nicht auf.

Festgezurrt wird das weltweite Zinsniveau vor allem in den USA. Sollte die Inflation dort deutlich anziehen, müsste die Fed die Leitzinsen weiter anheben. Das ist ein Szenario, das zu deutlich höheren Zinsen führen könnte. Ein anderes: Ausländische Investoren sind einfach nicht mehr bereit, immer mehr US-Anleihen mit relativ niedrigen Zinsen zu halten. Die USA sind auf die Heerscharen der Anleihekäufer angewiesen, weil sie jährlich mehr als 700 Milliarden Dollar aus dem Ausland benötigen, um das Defizit ihrer Handelsbilanz auszugleichen.

Beide Szenarien sind aber alles andere als zwingend. Die Investoren gehen zu Recht davon aus, dass die Federal Reserve steigende Inflationsraten bald eindämmen würde, notfalls um den Preis einer Rezession. Der Leitzins würde dann nur begrenzte Zeit in die Höhe schnellen und könnte bald wieder deutlich sinken. Zudem werden die billigen Waren und Dienstleistungen aus den aufstrebenden Schwellenländern die Inflation in den Industriestaaten weiterhin dämpfen.

Die Gefahr eines Käuferstreiks nehmen die Investoren daher zu Recht nicht übermäßig ernst. Denn die USA unterscheiden sich fundamental von einer normalen kleinen oder mittleren Volkswirtschaft. Die USA sind Leitwährungsland und mit großem Abstand die wichtigste Volkswirtschaft auf diesem Globus. China, Japan und Taiwan können die annähernd zwei Billionen Dollar an Währungsreserven, die sie halten, gar nicht verkaufen. Sie werden vielmehr zusätzliche Dollar kaufen, damit sich ihre alten Bestände nicht entwerten. Und wenn der Dollar etwas billiger wird und die US-Zinsen etwas steigen, dann gibt es auch immer genug private Investoren, die US-Wertpapiere attraktiv finden.

Ein anderes Zinssenkungsszenario ist auch durchaus plausibel: Der US-Immobilienmarkt legt nach jahrelangem Boom bald den Rückwärtsgang ein, die Konjunktur kühlt ab, der Leitzins sinkt kräftig.

All das heißt natürlich nicht, dass die Kapitalmarktzinsen nicht vorübergehend noch um einen Prozentpunkt steigen und die Aktienkurse nicht zehn Prozent fallen könnten. Damit muss man immer rechnen. Aber eine Blase sieht anders aus.

haering@handelsblatt.com

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