Kommentar
Kauern oder springen

So, das war’s mit der 15. Legislaturperiode. Der Kanzler hat mit seiner Regierungserklärung seine Abschiedsvorstellung gegeben. Auch wenn offen ist, wie die Wahl in eineinhalb Wochen ausgeht, eins ist gewiss: Gerhard Schröder wird nicht wieder Kanzler. Denn dafür bräuchte er eine rot-grüne Mehrheit, und die wird es nicht geben.

Ob es für eine schwarz-gelbe Koalition reicht, ist freilich auch höchst ungewiss. In den Erhebungen der Meinungsforscher war diese Mehrheit bisher schon hauchdünn, und glaubt man den jüngsten Umfragen, dann geht sie in diesen Tagen gerade verloren.

Bislang ist über einen Wahlausgang, der weder Rot-Grün noch Schwarz-Gelb zu einer Mehrheit verhilft, relativ ungerührt diskutiert worden: Dann gibt es eben eine große Koalition. Nicht schön, aber normal und im konsensverliebten Deutschland vielen gar nicht unwillkommen. Das ist kurios, und man kann nur hoffen, dass sich das in den letzten Tagen des Wahlkampfes noch ändert. Denn ein Patt wäre schlimm für das Land. Und zwar egal, ob man Schwarz-Gelb will oder nicht.

Deutschland erinnert vor dieser Wahl an einen Menschen, der in einem brennenden Haus auf dem Fensterbrett kauert und überlegt, ob er springen soll. Schwarz-Gelb rät ihm: Spring! Rot-Grün sagt: Bleib sitzen und warte auf Rettung! Die bevorstehende Wahl ist gleichsam ein Plebiszit, eine Abstimmung über zwei Optionen, die sich gegenseitig ausschließen: Springen oder Niederkauern. Die einen sind für dies, die anderen für jenes, aber eins von beiden muss man tun, um eine Entscheidung herbeizuführen, die beide Seiten für sich gelten lassen müssen. Zu diesem Zweck wird jetzt gewählt.

Wenn nun die Wahl aber genau diese Entscheidung verweigert, was wären die Folgen? Eine instabile, in sich gelähmte Regierung. Ein Triumph der Demagogen mit ihrem verführerischen Säuseln: Feuer, was für ein Feuer, klettere doch herunter von deinem unbequemen Fensterbrett. Und ein drastisch geschrumpftes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Demokratie. Das kann niemand wünschen.

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