Kommentar
Kein Freibrief für Manager

Nobody is perfect. Diese Binsenweisheit drängt sich nach dem nicht wirklich überraschenden Freispruch aller Angeklagten im Mannesmann- Prozess geradezu auf. Denn das gestrige Finale des sechsmonatigen Düsseldorfer Prozesses offenbarte Fehlverhalten auf vielen Ebenen.

Klare Verliererin ist die Staatsanwaltschaft, die sich als Sprachrohr der deutschen Neidgesellschaft gerierte, statt ihre abenteuerlichen Thesen mit harten Beweisen zu unterlegen. Personelle Konsequenzen müssen jetzt die Folge sein, denn die Glaubwürdigkeit und Professionalität der Justiz insgesamt ist ins Gerede gekommen. Eine Möglichkeit der Schadensbegrenzung gibt es noch: Die Staatsanwälte sollten Vernunft annehmen und auf die Revision verzichten. Diesen Dienst sollten sie sich selbst und dem ganzen Land erweisen.

Ein blaues Auge nehmen aber auch die Angeklagten mit nach Hause. Strafrechtlich haben sie sich zwar nichts vorzuwerfen. Das ist gut und wichtig, denn Prämienzahlungen für außergewöhnliche Leistungen müssen in der Wirtschaft weiter möglich sein. Wer nicht versteht, dass dies auch im Interesse eines Unternehmens ist, hat keine Ahnung von der Marktwirtschaft. Auch die Frage, ob wirklich gegen das Aktienrecht verstoßen wurde, wie dies die in diesem Thema nicht besonders erfahrene Strafkammer meint, ist noch nicht eindeutig beantwortet. Geschadet haben sich die prominenten Ex-Angeklagten aber durch ihren mitunter wenig sensiblen Umgang mit Millionensummen: Nicht nur in Zeiten knapper Kassen und schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse müssen Top-Manager Moral beweisen und Maß halten. Der gestrige Freispruch ist daher alles andere als ein Freibrief für hemmungsloses Selbstbedienen in den Chefetagen – wenn hier jetzt ein Umdenken einsetzt, war der Prozess jedoch mehr als pure Zeit- und Geldverschwendung.

Trotz allem: Strahlende Siegerin des Prozesses ist Brigitte Koppenhöfer. Die Richterin hat sich nicht von der nüchternen Betrachtung des Falls abbringen lassen und ein souveränes Urteil gesprochen. Daran kann auch die Kritik anders denkender Anwälte und Klassenkämpfer nichts ändern, die gehofft hatten, den Prozess zu einem Tribunal gegen den Kapitalismus machen zu können.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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