Kommentar: Kein Grund zur Scham

Kommentar
Kein Grund zur Scham

Müssen wir Deutschen uns nach dem internationalen Verriss für „Wetten, dass...?“ schämen? Nein, findet unser USA-Korrespondent. Wer sich um die deutsche TV-Kultur sorgt, sollte mal in den USA Fernsehen schauen.
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New YorkDas Schönste und Treffendste, das jemals über „Wetten, dass...?“ verfasst wurde, stammt von Florian Illies. „Mir geht es gut. Ich sitze in der warmen Badewanne und zwischen meinen Knien schwimmt das braune Seeräuberschiff von Playmobil. Nachher schau ich ,Wetten, dass...?`“, schrieb er in „Generation Golf“ über seine Kindheit in den 80er Jahren. Nie habe er sich sicherer gefühlt, „zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun.“

Das Gemeinste über „Wetten, das...?“, wenngleich ebenso treffend, ist eine Beobachtung aus der Jetztzeit und stammt von der „New York Times“. „Blöde deutsche Tricks, die sich abnutzen“, betitelte die US-Zeitung Ende der Woche einen halbseitigen Artikel über die deutsche Show, wunderte sich und machte sich ein bisschen lustig.

Denzel Washington muss jemandem zuschauen, der eine Schwimmbrille trägt und am Plopp einer Flasche errät, wie voll sie ist? Tom Hanks muss Katzen-Puschelohren tragen, während Markus Lanz um ihn herum sackhüpft?„Ergraut“ und „schrullig“ sei die Sendung, schrieb der Autor, Berlin-Korrespondent Nicholas Kulish. Deutschland „mit seiner großen Tradition in Literatur, Theater und Film“ habe vielleicht den Anschluss an anspruchsvolle Fernsehformate verpasst.

Das blieb nicht lange ungehört. „,New York Times`“ verreißt ,Wetten, dass...?`“, lauteten die Schlagzeilen in Deutschland, oder „Amis schießen weiter gegen ,Wetten, dass?`“. Das ZDF nahm offiziell Stellung, die „Bild“ bat den Medienexperten Jo Groebel um Erklärung für die Häme der Amerikaner, und die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Ach, wenn die nur wüssten, was hier sonst noch alles läuft.“ In den Online-Foren der Zeitungen, bei Twitter und Facebook war man peinlich berührt.

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  • Es ist erbärmlich die Kritik an "Wetten dass..." mit Verweis auf noch schlechtere amerikanische Formate zu rechtfertigen.
    Eigentlich ist das doch nur ein Eingeständnis der Zutrefflichkeit. Es ist heutzutage ein häufig anzutreffender Reflex, dass Fehler Misserfolge durch Verweis auf andere abgewiesen werden.
    Dabei wäre es noch legitim damit mangelnde Qualität zu relativieren, aber eben nicht zurückzuweisen.
    Das liegt daran, dass solcherart Kritik mittlerweile grundsätzlich persönlich genommen wird und es auch sehr schwierig geworden ist Anders zu vermitteln.
    Der Wohlfühlpädagogik sei Dank.

    An der miesen Qualität und der immer geringer werdenden Chancen daran etwas zu ändern, ändert das aber nichts.

    H.

  • Realistin, ihr Nick ist die reinste Ironie, die Amis sind nunmal die kulturellen Dominatoren der westlichen Welt, teilweise sogar der Östlichen, ob sie das nun wollen oder nicht. Aber sie sind womöglich genauso schmerz-und Stilbefreit, wie die Mehrheit, der Deutschen, die bei solcher zwangsfinanzierten Seiche nicht das K.tzen kriegen. Und es ist ja gerade das wrdelose Anbiedern an teilweise abgehalferte amerikanischen Altstars, die ein Teil dieses Kotzfaktors ausmachen, deshalb sollten wir gerade den Amis schon sehr genau zuhören

  • Schämen sollte sich hier vor allem die Handelsblattredaktion.

    Denn es gibt wirklich wichtigere und interessantere Themen als das öffentlich-rechtliche Fernsehgeseiche.

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