Kommentar
Kerrys Feuertaufe

Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat John Kerry verfügt derzeit über traumhafte Bedingungen: Eine Mehrheit der Amerikaner ist unzufrieden mit dem Amtsinhaber Bush. Der Chef des Weißen Hauses konnte sein Versprechen nicht einlösen, das Land nach den Verwundungen der Clinton-Ära zu einigen.

Im Gegenteil: Bush ist heute da, wo er vor dreieinhalb Jahren angefangen hat – in der Ecke des Polarisierers. Immer mehr US-Bürgern dämmert, dass sich der Irak-Einsatz als ungewisses und teures Unterfangen erweisen könnte. Hinzu kommt, dass die große Erleichterung über den Wirtschaftsaufschwung ausbleibt: Viele der neuen Jobs sind schlechter bezahlt als die abgebauten Stellen. Die satten Wachstumsraten beeindrucken zwar die Statistiker, doch die Realeinkommen verharren auf bescheidenem Niveau.

Trotzdem hat es Kerry bislang nicht geschafft, den Unmut über Bush für sich zu nutzen. Im direkten Vergleich kam er über einen leichten Vorsprung in den Umfragen nicht hinaus. Schlimmer noch: Jeder dritte Amerikaner kann sich keinen Reim auf den Oppositions-Mann machen.

Kerry hat sich bisher zu sehr darauf verlassen, dass ihn die Anti-Bush-Welle ins Weiße Haus trägt. Dieses Wunschdenken rächt sich nun, da der Demokrat seine Schwächen in der persönlichen und inhaltlichen Darstellung nicht ausgeräumt hat. Auf viele US-Bürger wirkt der Senator von Massachusetts nach wie vor spröde und unzugänglich. Darüber hinaus hat die massive Negativ-Propaganda der Republikaner, die Kerry pausenlos als „Wendehals“ brandmarkt, Spuren hinterlassen.

Diese Image-Delle geht einher mit einer schwammigen Sachpolitik. Kerry fehlt bislang die griffige Botschaft, mit der er sich den US-Bürgern als zwingende Alternative empfehlen kann. Bill Clinton gelang dies 1992 mit seinem Fokus auf die Wirtschaft. Und Ronald Reagan hatte die Amerikaner 1980 mit seinem Optimismus aus der Lethargie der Carter-Dämmerung gerissen.

Erst wenn es Kerry schafft, sich aus der Falle des reinen Anti- Bush-Mannes zu befreien, kann er sich Hoffnung auf einen Durchbruch machen. Der bis Donnerstag dauernde Parteitag der Demokraten bietet ihm die große Chance hierzu. Es ist die Feuertaufe des Kandidaten zum wahren Herausforderer.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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