Kommentar
Klare Worte statt großer Versprechen

Mit einer unaufgeregten, aber klugen Rede hat Joachim Gauck das Fundament für seine Präsidentschaft gelegt. Sein großes Ziel: Die Bürgern sollen wieder Vertrauen in die Politik bekommen und sich aktiv einmischen.
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Es war keine große Rede, die historische Bedeutung erlangen wird. Kleingeister werden sicherlich gezählt haben, wie oft er wieder das Wort "Freiheit" benutzt hat. Auch hört sich Gauck oft noch sehr pastoral an, etwa wenn er Sätze mit einem altertümlichen "wir dürfen nicht dulden, dass..." einleitet.

Und doch war die Rede des neuen Bundespräsidenten zu seiner Vereidigung ein hervorragender Start, der die Hoffnung weckt, dass Gauck der riesigen Erwartungen, die nach der unglücklichen Präsidentschaft von Christian Wulff in ihn gesetzt werden, gerecht werden kann.

Es ist herzerfrischend zu hören, dass sich nach all den zermürbenden Diskussionen um die Kosten und die Gefahren Europas ein Politiker hinstellt und mutig sagt: "Gerade in der Krise heißt es deswegen: Wir wollen mehr Europa wagen." Das Projekt Europa sei für seine Generation noch Verheißung gewesen, für seine Enkel jedoch sei es jetzt nicht nur Lebenswirklichkeit, sondern ein "wunderbarer Gewinn". Diese Stimme hat gefehlt. Wenn Gauck es erreichen kann, mit viel Überzeugungskraft der europäischen Idee wieder einen positiven Klang zu geben, dann hat er viel geleistet. Man mag das für banal halten - aber es könnte entscheidend für die Gestaltung unserer Zukunft sein.

Der zweite Akzent, den Gauck in seiner Rede setzte, ist überraschender und könnte als Leitthema seine Präsidentschaft tragen. Er betont die Bürgergesellschaft als wichtige Stütze für die Demokratie und erwähnt dabei explizit die Arbeit der vielen Bürgerinitiativen. Er lobt die 68er-Generation und nennt ihre "an Fakten und Werten orientierte" Aufarbeitung der düsteren deutschen Vergangenheit ein Vorbild für den Wandel in Ostdeutschland nach 1989. Er ermuntert die Bürger, sich auch heute aktiv einzumischen und nicht zu verzagen. Er warnt davor, dass politisches Engagement zunehmend verachtet werde, dass die Wahlbeteiligung sinke und dass die Distanz zwischen Regierten und Regierenden wachse. "Das macht mir Angst", sagt Gauck in schlichter und damit besonders glaubwürdiger Art.

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Klare Worte statt großer Versprechen

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Von wohlklingenden Phrasen haben die Bürger die Nase voll

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  • Für MICH wars ne große Rede!

    Ihre Kritik find ich stellenweise ziemlich kleinkariert und mir pers. ist es lieber, jemand sagt: "wir dulden es nicht, dass..."...als zeitgeistgerecht irgendwas von "uncool" zu labern.
    Von daher wäre es gerade und auch hier in Berlin oft angebrachter, verantwortungsbewußte Politiker sprächen offen und ehrlich aus, was geht und was eben nicht! Das ersparte uns nicht nur oft ne Menge Stress...sondern könnte die Stadt vieleicht etwas mehr für Investoren begeistern!

  • Im Großen und Ganzen finde ich Ihren Kommentar zur Antrittsrede von Gauck gar nicht schlecht...nur frage ich SIE , warum Sie nun auch schon wieder mit anderen Journalisten den Fehler machen, wieder in den Krümeln zu picken und vermeintliche Schwächen in der Gauckschen Rede aufzeigen?

    Ich habe mir seine Rede mehrfach angehört..WAS verdammt nochmal ist in seiner Rede "pastoral"? Weil er sagt, dass wir es nicht "dulden" sollten, dass...? Na, MIR ist das tausend mal lieber, als wenn er sagte, dass es "uncool" wäre...

    WAS ist an dem Lebensthema von Gauck falsch oder läßt zu wünschen übrig?
    Sie sind (genauso wie ich) im Westen aufgewachsen und haben anscheinend anscheinend (genauso wie andere Kritiker seines Lebensthemas) nur wenig Verständnis für das Thema "Freiheit". Es ist natürlich viel populärer, wenn man in die allgemeine Meckerei (eine typ. deutsche Angewohnheit) mit einstimmt...ICH hingegen finde es gut, wenn er immer wieder darauf hinweist...gerade aber auch in Richtung vieler Ostdeutscher, die anscheinend Weltmeister darin geworden sind.

    Ich kann selbstverständlich nur für mich sprechen...aber ich finds mal gut, dass jemand sagt: "Wir stehen zu diesem Land!". Es scheint im gegenwärtigen politischen Diskurs in unserer Gesellschaft geradezu verpönt zu sein, auch das zu äußern? Wenn man noch dazu wie ich in Berlin lebt und hier jeden Monat gefühlte Tausende Ausländer aus anderen Ländern stranden, weil sie hier bessere Perspektiven für sich sehen, dann weiß man es zu schätzen, dass man in Deutschland lebt.
    Von daher: Es WAR eine große Rede...und ich wünschte mir, so mancher Journalist nähme sich ein Beispiel daran!

  • Hoffentlich wird in Ruhe gelassen von der nicht seriösen Presse. Es wird langsam Zeit diesen Herrschaften das Handwerk zu legen ,.Mit Pressefreiheit ist das nicht zu rechtfertigen. Ich wünsche unserem neuen Präsidenten mut und Fingerspitzengefühl für sein neues Amt w. Kilp

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