Kommentar
Kleinmütige Richter

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte lehnt es ab, über die Sterbehilfe in Deutschland zu entscheiden und rügt die Gerichte nur. Vor der eigentlichen Entscheidung haben die Richter sich gedrückt.
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Wir Europäer haben eine christlich geprägte Grundordnung. In unserem Europa leben immer mehr Menschen, denen es so gut geht, dass sie immer älter werden. Unsere Mediziner kennen jeden Kniff, um unser Leben zu verlängern. Aber wir haben keine Idee, wie wir mit dem Sterben umgehen sollen.

Dafür hat heute das Straßburger Gericht für Menschenrechte mal wieder einen schlagenden Beweis geliefert. Die Richter haben es abgelehnt, über einen Fall aus Deutschland zu entscheiden: Ein Rentner hatte geklagt, weil seiner schwerbehinderten Frau das Recht auf einen selbstbestimmten Tod verweigert worden war und sie zum Sterben in die Schweiz ausweichen musste.

Die Richter beließen es lieber bei einer formalen Rüge. Um die eigentliche Frage, nämlich ob deutsche Behörden ein tödliches Medikament hätten gewähren müssen, drückten sie sich herum. Stattdessen beanstandeten sie, die deutschen Gerichte hätten den Fall nicht ausreichend geprüft, wodurch der Witwer in seinen Rechten verletzt wurde. Dieses Urteil zeugt von Kleinmut. Umgekehrt können die Richter aber auch für sich in Anspruch nehmen, dass nicht sie es sein können, die eine der zentralen Fragen in unserer Gesellschaft lösen.

Es geht um das Recht, über seinen eigenen Tod selbst zu entscheiden. Dieses Recht wird den Europäern in den allermeisten Staaten verwehrt. Die Schweiz und in Teilen auch die Niederlande bilden eine Ausnahme. Deutschland diskutiert, aber macht bislang kaum Fortschritte.

Ich selbst habe als ehemaliger Korrespondent für das Handelsblatt in der Schweiz die Gelegenheit gehabt, die Folgen dieser Konstruktion in Europa zu beobachten. Sie sehen vor Ort so aus: Die Sterbehilfe-Organisation Dignitas, der die Geschäftsräume in Zürich gekündigt waren, wich in einen Vorort aus. Die Anwohner reagierten alles andere als nüchtern auf jene deutschen Kunden von Dignitas, die im Rollstuhl kommen und den Ort im Sarg verlassen. Sie protestierten gegen den „Sterbetourismus“ und das Geschäft der Totmacher. Die Fahrkarte in den Tod kostete 7 500 Franken. Die Vorbereitung des Suizids schlägt dabei mit 2 000 Franken zu Buche, die Durchführung auch. Die Behördengänge danach, die die Sterbehelfer erledigen, kosten 1 000 Franken. Die Arztrechnung und Kosten für die Verbrennung des Leichnams komplettieren die Rechnung.

Kommentare zu " Kommentar: Kleinmütige Richter"

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  • Sehr geehrter Herr Stock,
    haben Sie sich über den Sachverhalt des Schicksals Koch informiert? In einem bezeichnenden Studiogespräch in der ARD bei Beckmann (http://www.youtube.com/watch?v=RLWsVLm6pjo) kommt zu Tage wie miserabel das Ehepaar Koch in medizinischer und juristischer Hinsicht beraten war. Auf die Frage, ob Frau Koch über die Möglichkeiten des palliativ begleiteten Sterbens in Deutschland aufgeklärt war, antwortet der Witwer verwundert mit "Nein". Frau Koch hätte gegen Ihren Wunsch gar nicht weiter behandelt werden dürfen. Sie hätte von der Beatmung genommen werden müssen und wäre schmerzfrei sanft entschlafen. Selbstbestimmt. In Deutschland. Die Fahrt in die Schweiz muss für diese Patientin qualvoll gewesen sein. Wurde das Schicksal der schwerstkranken Patientin instrumentalisiert? Dies heraus zu bekommen, wäre der Mühen eines Chefredakteurs wert.
    In Vorfreude auf den nächsten - besser recherchierten - Kommentar verbleibend
    Chris Bayer
    PS: Die benannte Sendung wird auch hier kommentiert: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/faz-net-fruehkritik-beckmann-viel-geredet-viel-vertan-11086371.html - lesenswert!

  • Nur ein Beispiel von vielen, die die fehlende Unabhängigkeit und Entscheidungsfähigkeit der Justiz veranschaulichen. Man muss den Eindruck gewinnen, die Justiz betreibt Lobbyismus in eigener Sache. Rechtsunsicherheit nützt der Kaste der Anwälte und Richter. Wo alles klar ist kann man nur wenige kurze Verfahren ausfechten. Nur wo Unklarheit herrscht können sich Anwälte über viele Instanzen den Porsche verdienen. Deshalb lieben Anwälte und Richter den Vergleich so sehr.

    Natürlich unterstützt von ganz oben. Die meisten Politiker sind gelernte Juristen.

  • Die Schweiz gibt Sterbehilfe. Ein paar Staaten in der USA auch. Wie kann man nur so die Menschen quaelen die sterben wollen. Er, nur er selbst sollte das bestimmen. Aber wie gesagt , es dreht sich wieder nur um Geld.

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